Von Norbert Denkel

Eigentlich lernen wir nur von Büchern, die wir nicht beurteilen können", Goethe. Es ist gut, sich mit dem Satz zu wappnen, wenn man ein 416 Seiten starkes Buch zur Hand nimmt, das Bilder zeigt aus dem Lateinamerika der Jahre 1860 bis 1980. Denn Überraschung ist noch der mindeste Eindruck, gewonnen nach intensiver Beschäftigung mit den auf diesen Seiten vorgeführten Photographien und Lebensläufen von Photographen. Die Fülle des Materials ist so verblüffend und so nahezu aus dem Nichts auftauchend, daß man sofort an eine andere, wenige Jahre zurückliegende Überraschung denkt. Damals wurde, ebenfalls auf einen Schlag, klar, daß Lateinamerika eine eigenständige Literatur besitzt. Ähnliches passiert jetzt in der schon ziemlich "geschlossenen Gesellschaft" der Photographie, der bei uns, nicht nur gelegentlich, ein Tod durch Entkräftung nachgesagt wird.

Wovon lebte, wovon lebt die Photographie aus Lateinamerika? Von den Schwankungen zwischen "wunderbarer Wirklichkeit" und menschenverachtender Unterdrückung. Photographieren heißt hier: dokumentieren, und also: Personen und Zustände anklagen.

1978 fand in Mexiko-City eine (erste große) Photoausstellung statt: "Hecno en Latino America", in deren Katalog eine Art Selbstbeschreibung zu finden ist. Gemeinsame Züge bei den lateinamerikanischen Photographen: "Die Ablehnung einer entfremdeten und ungerechten Gesellschaft; die öffentliche Verurteilung von Ausbeutung, Eingrenzung und Kolonisation ... eine Abneigung, sich für eine Wirklichkeit zu verwenden, die zwischen Gewalt und Hoffnung hin- und herpendelt; eine Anerkennung der Tatsache, daß nicht die Kamera, sondern der Photograph lügt, wenn er von seinem Recht Gebrauch macht, das Symbolhafte zu erforschen ... Photographen ... die, häufig mit nationalen Angelegenheiten beschäftigt, in ökonomische, politische und militärische Bedrängnisse geraten, die im Verlauf der Abhängigkeit von Imperialismus und der oligarchischen Ausbeutung auftreten, unter denen der größere Teil der lateinamerikanischen Länder lebt." Man muß kein Ideologe sein, um dem beipflichten zu können. Denn was sich bei uns, zum Beispiel, unter "Hinten, weit bei den Falklands" schwach konturierte, ist bei Lateinamerikanern nur der neue Beweis für die Richtigkeit der Ansicht, der Feind sei nicht der Kommunismus, sondern Nordamerika und jene Europäer, die auch heute noch ihre geraubten Kolonien mit Kanonenbooten verteidigen.

Beide Amerika waren Jahrhunderte hindurch praktisch der Kontinent der indianischen "Endlösung" – nur da, wo die Natur unüberwindliche Barrieren aufgerichtet hatte, und nur dort, wo kein guter Boden, kein Gold, kein Silber zu finden waren, überlebten die Steinzeit-Indios den Einfall der Eisenzeit-Europäer. Kein Kontinent ist von Europäern so massakriert und vernichtet worden wie Nord- und Südamerika. Ein schauerliches Sinnbild ist das Photo (Seite 78), dessen Bildunterschrift lapidar heißt: "Gefangene Indianerin, 1895." Zu sehen ist eine junge Frau, fast nackt, an eine Wand gelehnt, an Hals und Füßen mit einem Lasso drapiert. Ein unmenschlicher Vorgang – so muß man wohl in anderen Nationen Photos aus den deutschen KZs empfinden.

Das Buch ist nebenbei noch ein Schnellkursus für die Theorie, daß Geschichte kontinuierlich verläuft. Gleiche Situationen, wie zum Beispiel Photos von Revolutionären, wirken, auch wenn sie in großem zeitlichen Abstand gemacht wurden, wie ein Zeitraffer. Als Beispiel Bilder aus Kuba: Wie sich Photos der Revolutionäre von 1895 und 1957 gleichen! Als Beispiel Mexiko: Auch hier sind die Originalbilder aus der Revolutionszeit mehr wert als alle Wort-Spätnachrichten. Agustin Victor Casasola hat diese ganze Zeit festgehalten – 1910 bis 1923. Er arbeitete (damals!) mit dem Bewußtsein, daß er als Photograph einen Auftrag, eine dokumentarische Funktion hatte. In seinen Bildern ist die Nähe zu den Abgebildeten spürbar – keine Stilisierung wie in den gleichzeitig entstandenen Photos des eingewanderten Deutschen Hugo Brehme – der hielt sich Thema und Leute vom Hals, die kritische Distanz nicht vergessend. Die unterschiedliche Betrachtungsweise beider Photographen kann erläutern, was beurteilen können und nicht beurteilen können bedeutet.