Erziehung zur Friedensfähigkeit hat drei Dimensionen. Die individuellen Ursachen von Unfrieden wie Aggressionen, Vorurteile und angstbesetzte Feindbilder eilt es ebenso zu bekämpfen wie ihre gesellschaftlichen Vorbedingungen. Sie zu erkennen, verlangt Einsicht in psychische wie soziale Prozesse. Wer die dritte Dimension – internationale politische wie wirtschaftliche Spannungen – als Einstieg in die Friedenspädagogik benutzen will, muß an einzelnen politischen Konflikten beispielhaft durchgängige internationale Verflechtungen, Abhängigkeiten und Machtkonstellationen, aber auch Wege zum Frieden deutlich machen. Auch für den Autor, der mit Geschichten zum Frieden erziehen will, gelten diese Gesetze.

Fredrik Vahles "Manuel oder die Reise zum Anfang der Welt" verknüpft bewußt und gewandt alle drei Ebenen zu einem Entwicklungsroman. Manuel, der halbwüchsige Sohn aus einer wohlhabenden Familie der Hauptstadt, nimmt im Jahre 1980 nach dem Sieg der sandinistischen Befreiungsfront über das Somoza-Regime in Nicaragua auf der Insel Solentiname – der früheren Wirkungsstätte Ernesto Cardenals – an einer Alphabetisierungskampagne teil.

Das unendlich mühsame und entbehrungsreiche Leben der Campesinos, ihre Erinnerungen an die Willkür der Nationalgarde und ihre mündlich weitergetragene Geschichte lehren ihn mehr, als die Vermittlung seiner Schreib- und Lesekünste den armen Bauern je wird bedeuten können. Er begreift durch tägliche Arbeit, Beschädigungen und allmählich liebevolle Zuwendung seiner neuen Umgebung den Zusammenhang zwischen menschenwürdiger Existenz, Unabhängigkeit, Selbstbewußtsein und Chancen zum Frieden:

  • Die Würde seiner abgearbeiteten "Landmutter", die am Ende ihres Lebens noch Lesen und Schreiben lernt, um weniger betrogen und damit freier zu sein,
  • der auch von Ernesto Cardenal gestärkte Stolz der bitterarmen Inselbauern auf ihre bescheidenen kulturellen Werte,
  • der Idealismus der jungen Leute, "nicht mit dem Gewehr, sondern mit Bleistift und Papier" zu kämpfen,

das alles sind friedentragende Gegengewichte zu den nicht verschwiegenen Grausamkeiten des vorangegangenen Bürgerkrieges. Er steht als Beispiel für viele gegenwärtige scheinbar lokale Konflikte der Dritten Welt mit der tatsächlich internationalen Dimension durch die Interessen der Supermächte. Die friedliche Lösung eines Konfliktes "am Ende der Welt" könnte "zum Anfang der Welt" werden – so soll der Titel des Buches verstanden werden. Vahle schert sich wenig um gängige formale Tabus der Kinder- und Jugendliteratur. Sein "Geschichtenroman" springt immer wieder aus der kontinuierlich erzählten Handlung in die jüngste oder vorgeschichtliche Vergangenheit des Landes. Die Erfahrungen und Gedanken seines Helden laden eher zur Auseinandersetzung mit der geschilderten politischen wie sozialen Situation als zum üblichen Identifikationsprozeß ein. Doch die Rolle des Mentors, der seine Leser in vielerlei Gestalt durch seine Geschichte hin zu seiner Aussage führt, gibt der Liedersänger und Moralist Vahle nicht auf.

Die zu Graphiken verfremdeten zahlreichen Schwarzweißphotos unterstützen die Ambivalenz von Betroffenheit und Distanz, von Analyse, Belehrung, Appell und Konfession. Friedenspädagogik durch Literatur – mit Vahles Buch wird sie möglich, nicht nur für junge Leser ab zwölf Jahren.

Fredrik Vahle: "Manuel oder die Reise zum Anfang der Welt"; Lamuv Verlag, Bornheim; 230 S., 12,80 DM.

Birgit Dankert