Von Dietrich Strothmann

Wie glaubwürdig ist Menachem Begin für die Amerikaner? Wie kalkulierbar sind seine Reaktionen für Ronald Reagan? Anfang der Woche legte der israelische Ministerpräsident für den Grad seiner Glaubwürdigkeit auf überraschende Weise beredtes Zeugnis ab. Eine dreiviertel Stunde lang wurde er von den drei Mitgliedern der Untersuchungskommission in die Zange genommen, die im Auftrag der Regierung die Hintergründe des Massakers in den beiden palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila aufdecken sollen. Dabei stellte sich dies heraus:

Als sein Stellvertreter, der Wohnungsbauminister David Levy, am Tag des Einmarsches der falangistischen Mordkommandos in die Lager seine Kabinettskollegen vor den Folgen wählte, war Begin angeblich mit der Abfassung eines Kommuniques befaßt. Als Generalstabschef Rafael Eitan in derselben Kabinettssitzung von den Rachegelüsten der Falangisten sprach, will er nicht hingehört haben. Jedenfalls sei ihm über Kritik an der "Säuberungsaktion" nichts bekannt geworden. Vielmehr habe ihn sein verantwortlicher Verteidigungsminister Ariel Scharon über den Plan, der von Israelis und Falangisten gemeinsam ausgearbeitet worden war, nicht in Kenntnis gesetzt; auch hätte er erwarten können, daß durch diese Maßnahme Blutvergießen verhindert werde. Im übrigen sei er erst am Nachmittag des letzten Mordtages durch eine BBC-Sendung vom Ausmaß des Gemetzels informiert worden.

Diesen Menachem Begin hatte bisher noch niemand gekannt: den Ministerpräsidenten, dessen Wort nicht für wahr gehalten werden kann, über dessen Kopf hinweg von Untergebenen Entscheidungen gefällt werden, dessen Sinn für die Realität geschwunden ist. Diese neuen Erkenntnisse müssen künftig alle Verhandlungspartner Begins in Rechnung stellen – auch Präsident Ronald Reagan, der nächste Woche mit ihm in Washington zusammentreffen wird.

Und wie steht es mit der Berechenbarkeit der Reaktionen Begins? Gerade amerikanische Präsidenten haben damit leidvolle Erfahrungen gemacht: Meist hat Menachem Begin genau das Gegenteil von dem getan, was im Interesse amerikanischer Friedensabsichten im Nahen Osten angemessen gewesen wäre. So mußte auch Ronald Reagan damit rechnen, daß ihm der Israeli nach Bekanntgabe der neuen amerikanischen Nahost-Initiative gehörig in die Parade führe. Erst beklagte sich Begin über die Undankbarkeit des Amerikaners, dem er durch die israelische Invasion den Libanon wie auch die Palästinensische Befreiungsorganisation gleichsam auf einem "silbernen Tablett" präsentiert habe, dann ordnete er aus Trotz den Aufbau und die Erweiterung von zwanzig Siedlungen im besetzten Westjordanland an. Solche Reaktionen waren ebenso vorhersehbar wie Begins persönliche Enttäuschung: Seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten vor fünf Jahren sei Reagans Bekanntgabe seiner Vorschläge der traurigste Augenblick gewesen. Wie er dann auch wieder, nach Abschluß seiner Gespräche im Weißen Haus, genau das Gegenteil behaupten wird: Dieser amerikanische Präsident sei der treueste Freund Israels. Das ist Begin, wie er leibt und lebt.

Dabei hatte Ronald Reagan mit dem "frischen Start" seiner Nahost-Initiative Anfang September nur die Chance ergriffen, um den in Camp David 1978 eingeleiteten Friedensprozeß fortzusetzen. Die Zerschlagung des militärischen Potentials der PLO im Libanon bot die Gelegenheit dazu. Reagans Vorschläge liefen auf eine Ankurbelung der seit bald zwei Jahren eingefrorenen Autonomiegespräche hinaus, an denen sich künftig außer Ägypten, Israel und den Vereinigten Staaten auch Jordanien beteiligen soll, mit dem Ziel einer jordanisch-palästinensischen Konföderation. Voraussetzung für diese Lösung müßte nach Reagan sein, daß Israel seine territorialen Ansprüche auf die besetzten Gebiete am Jordan und im Gazastreifen aufgibt, keine neuen Wehrdörfer gebaut und über die alten Döfer Verhandlungen führt. Das indessen war der Regierung in Jerusalem selbst im Tausch für die Bereitschaft der Araber, Israels Existenz nach erfolgter Regelung der Streitfragen anzuerkennen, des Verzichts zuviel.

Erst zog Verteidigungsminister Ariel Scharon vom Leder: "Solche Vorhaben lehnen wir nicht nur ab, wir diskutieren nicht einmal darüber." Dann polterte Menachem Begin los: "Unser Recht auf das Stammland Israel ist ewig. Seine Teilung würde zu ständigem Blutvergießen führen. Ist es etwa moralisch, daß Nazareth zu Israel gehört, aber unmoralisch, daß auch Bethlehem dazugehören soll?" Schließlich gab der stellvertretende Landwirtschaftsminister Michael Deckel bekannt, bis 1987 sollen weitere 75 000 Israelis am Jordan angesiedelt werden (bisher sind es 25 000). Als selbst Begins Anhänger und Botschafter in Washington, Mosche Ahrens, empfahl, den Siedlungsbau für sechs Monate einzufrieren, war die Erregung in Jerusalem kaum noch zu zügeln: Ein "Falke", der sich Reagans wegen zur "Taube" gemausert hat? Nun mußten, als Antwort auf den amerikanischen "Affront", erst recht neue Siedlungen her.