Von Ulrich Schiller

Washington, im November

Neunzig Prozent der Schwarzen des Südstaates Alabama haben ihn am 2. November zum Gouverneur gewählt, rund die Hälfte der Weißen hat ihm ihre Stimme gegeben. Mit diesem Rückhalt hat George Wallace Seinen republikanischen Gegenkandidaten klar aus dem Felde geschlagen.

Ja, der Wahlsieger ist derselbe George Wallace, der 1963 unbarmherzig verkündete: „Segregation heute, Segregation morgen, Segregation für immer!“ Die Trennung der Rassen war seine Philosophie. Um sie durchzusetzen, scheute er sich nicht, Schwarze und Weiße, die für das Wahlrecht der amerikanischen Neger demonstrierten, niederknüppeln und verhaften zu lassen. Es ist derselbe George Wallace, der sich in seiner ersten Amtszeit als Gouverneur von Alabama Anfang der sechziger Jahre herrisch vor das Tor der Universität in Tuscaloosa stellte, um den Schwarzen den Zugang höchstpersönlich zu verwehren. Und dennoch haben ihn die schwarzen, aber auch die weißen Liberalen, die doch der „Rassist“, der „Faschist“ Wallace einmal so sehr das Fürchten gelehrt hatte, in der vergangenen Woche gewählt.

Der hohe Wahlsieg wurde Wallace freilich nicht geschenkt. Erst einmal mußte er in einer Stichwahl einen demokratischen Mitbewerber um den Gouverneursposten aus dem Felde schlagen .

Viele der alten Symbolfiguren der schwarzen Bürgerrechtsbewegung hatten in diesem Wahlkampf eindringlich vor Wallace gewarnt. Coretta King, die Witwe des ermordeten Negerführers Martin Luther King, fuhr von einem Kirchsprengel zum anderen, um das come-back des Mannes im Rollstuhl zu verhindern. Sie wollte den Politiker bekämpfen, der wie kaum ein anderer Amerikaner in seiner langen Karriere Haß und beinahe göttliche Verehrung gleichermaßen auf sich gezogen hatte.

Doch nachdem der demokratische Mitbewerber besiegt war, hatte Wallace im Grunde schon gewonnen. Sein republikanischer Konkurrent schien nämlich nichts anderes zu sein als eine Neuauflage des alten George Wallace von vor 20 Jahren. Mit der Pistole im Gürtel Und im Polizeiwagen unterwegs, wollte der Bürgermeister von Montgomery, Emorv Folmar, law and order durchdrücken. Manche nannten den eifernden Bürgermeister beziehungsvoll eben „Mayoratollah“. Der Ausgang der Gouverneurswahl offenbarte jedoch, was sich in den letzten zwanzig Jahren alles verändert hat: Alabama, der amerikanische Süden und George Wallace.