Von Fritz J. Raddatz

Geschrieben für Siegfried Unseld" hieß die sonderbare Widmung von Uwe Johnsons letztem Buch "Begleitumstände" (ZEIT Nr. 42/1980). Der Band – Resultat von Johnsons Frankfurter Poetikvorlesungen – gab an seinem Ende ein privates Debakel preis, mit dem bewußt und willentlich ein Lebens-Detail, ein Stück Biographie zum Teil des Werkes gemacht, als Anlaß einer Schreibhemmung ausgerufen wurde: Uwe Johnsons Trennung von seiner Frau. Tatsächlich, ob nun paranoides Wahnsystem oder blanke Realität – der Verlust der Gestalt, durch deren Gefühlshaushalt der Autor Johnson Wirklichkeit spiegelte, muß ihn vollständig aus der Balance geworfen haben. Sein großer Roman "Jahrestage", das war sein Leben:

"... seit ich mich zu diesem Buch entschloß, habe ich im Dienste dieses Buches gelebt. Das hieß, die Integrität der von mir erfundenen Personen zu respektieren und niemals sie zu mißbrauchen als Träger meiner Meinung oder als Vermittler meiner Erfahrung. Alles, was ich in New York sah und was mir in New York passierte, konnte ich in dieses Buch nicht in meiner Fassung bringen, und ich mußte mir überlegen, stimmt das für Mrs. Cresspahl, stimmt das für eine Frau, stimmt das für diese besondere Frau?"

Diese "besondere Frau" hatte drei Namen: Uwe Johnson; Gesine Cresspahl; Elisabeth Johnson. Der Fortgang der einen hat die Fortführung der Figur der anderen unmöglich gemacht – übrig blieb Uwe Johnson. Der aber, der Schriftsteller, hat überlebt; er hat in einer virtuosen Erzählung, publiziert im Sommer 1981 in der Festschrift zum 70. Geburtstag des Freundes Max Frisch, acht Jahre nach Erscheinen von "Jahrestage 3", diesen Biographiebruch zu fixieren gesucht. Diese "Skizze eines Verunglückten" (Bibliothek Suhrkamp, Band 723) ist ein grausiger Gerichtstag; nicht im Sinne des Diktums von Ibsen, Schreiben sei Gerichtstag halten über sich selbst – vielmehr als Urteil über Betrug. Das Debakel einer menschlichen Beziehung wird in immer neuen Paraphrasen und Zitaten deutlich gemacht, der Schiffbruch einer Ehe, deren Treulosigkeit Dr. Joe Hinterhand (!), deutscher Emigrant in New York mit Wohnsitz am Riverside-Drive-Park, nur durch den Mord an seiner Frau auszutilgen wußte:

"Dem Angeklagten sei nach fast vierzehn Jahren ehelichen Lebens, in der Tat nach zwanzig Jahren Zusammenlebens mit einer Frau eröffnet worden, daß sie ihn getäuscht und belogen habe, von Anfang an, insbesondere über ein Liebesverhältnis mit einem Bürger der Feindstaaten seit 1932, fortgesetzt und erneuert durch carnal knowledge ... fleischliche Bekanntschaft bis 1938, von 1932 bis 1947 unterstützt durch regelmäßige Korrespondenz, worin der Angeklagte habe eine Verschwörung erblicken müssen sowohl gegen seine Person als auch gegen seine Arbeit, da er durch ihr Bündnis mit einem Verfechter faschistischer Theorien geschädigt sei in seiner Glaubwürdigkeit, nachdem er gegen solche Theorien angegangen sei in Wort und Schrift..."

Der Text liest sich wie die Abwehr eines Erstickungsanfalls, er zieht – eine einzige Etüde über Verrat; also über Uwe Johnsons Hauptthema – alles herbei, was zum Thema Ehe und Gemeinsamkeit, Hingabe, Treulosigkeit und Einsamkeit je gesagt wurde. Streckenweise eine Zitatcollage, von Ernst Bloch – "So ist gerade dieses, was sich das Weib, wenn es zu Recht geweckt ist, an Großem, Vollkommenem, Lösendem, Tiefem ersehnt, für den schöpferischen Mann die farbigste des kategorischen Imperativs seiner gesamten Produktion:" – bis zur Kaschnitz – "Ein Schriftsteller ist meistens ziemlich einsam, und seine Frau ist für ihn die Verbindung mit der Welt. Sie ist die Welt mit ihren Anforderungen, ihrer Unerbittlichkeit und ihrem schrecklichen Vertrauen. Ob man noch oder längst nicht mehr in sie verliebt ist, ändert daran nichts –". Das ist, schließlich haben wir es mit einem Autor höchsten artistischen Raffinements zu tun, auch Replik auf den zu feiernden Max Frisch; dessen Thema war und ist Eifersucht – die verbotene, unterdrückte und dennoch in den Nischen der Finsternis wuchernde Leidenschaft.

Und schließlich führt das Buch einen Gorki-Text des Jahres 1923 vor, der an Entsetzen und Betroffenheit nicht überbietbar ist. Uwe Johnson, einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller, gibt – knapp verhohlen – ein Stück Tod, die Erfahrung eigenen Sterbens wider: