Er hat schon einen besonders schlechten Start gehabt, der neue Bundesarbeitsminister. Norbert Blüm, seit vielen Jahren Mitglied der IG Metall, ist durch eine vorschnelle Kampagne für eine Atempause in der kommenden Lohnrunde – wen wundert’s – ins Zentrum der gewerkschaftlichen Kritik geraten. Nun melden sich aber auch Verteidiger.

In der Serie der DGB-Kundgebungen gegen den Sozialabbau lassen die Gewerkschafter ihrem Frost über den neuen Bundesarbeitsminister freien Lauf. "Pflückt das Blümchen", forderten Dortmunder Metaller. Frankfurter Kollegen dichteten in reinem Hessisch "Blüm putz die Platt, mer habbe dich satt". "Blüm mach Pause, geh nach Hause", reimten die Hannoveraner in schlichtem Norddeutsch und forderten zugleich "Blüm raus aus der IG Metall". Die neue OTV-Vorsitzende Monika Wulf-Matthies schließlich erntete tosenden Beifall, als sie vorschlug, Blüm solle, entsprechend den jüngsten Bafög-Beschlüssen, aufgefordert werden, sein aus Gewerkschaftsgeldern finanziertes Studium zurückzuzahlen.

Am heftigsten aber fiel die Attacke gegen Blüm in der Gewerkschaftszeitung metall aus, die den Kollegen Minister auf ihrem Titelbild zusammen mit Otto Graf Lambsdorff zeigt, der dem kleineren, zu ihm aufblickenden Blüm wohlwollend die Hand auf die Schulter legt. Titel: Der Marktgraf und sein Schüler.

Die telephonische Beschwerde von Blüms Pressesprecher machte alles nur noch schlimmer: Die Chefredakteure aller Gewerkschaftszeitungen sagten ihre Teilnahme an einem Hintergrundgespräch mit Blüm ab.

Auf dem Höhepunkt dieser gewerkschaftlichen Verbitterung aber melden sich nun CDU-Kollegen zu Wort, die zur Besinnung aufrufen. Oskar Fehrenbach, stellvertretender DGB-Vorsitzender und CDU-Mitglied, bescheinigte dem gebeutelten Blüm an diesem Wochenende ‚ "das soziale Gewissen innerhalb der Koalition" zu sein. Und der CDU-Politiker Adolf Müller (Remscheid), seit langem Gewerkschaftsmitglied, erinnerte die Kollegen daran, daß sie den konstruktiven Dialog mit der Bundesregierung brauchen.

Der Hauptgeschäftsführer der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, Heribert Schattenbroich, drängte die CDA-Mitglieder in den Gewerkschäftsspitzen gar, mäßigend auf die Kritiker einzuwirken und offene Solidarität zu zeigen. Ein unglücklicher Versuch zur Besänftigung der erregten Gemüter, den Karl-Heinz Hoffmann, stellvertretender ÖTV-Vorsitzender und CDU-Mitglied, denn auch als "Versuch der Gleichschaltung" mit allemNachdruck zurückwies. "Solidarität", schrieb Hoffmann an Scharrenbroich, "ist keine Einbahnstraße. Wer Solidarität für Norbert Blüm verlangt, muß dafür sorgen, daß diese Solidarität auch mit uns geübt wird. Wir haben diese Solidarität jedoch seit Norberts Amtsantritt zum Minister bis heute vermißt."

Hoffmann beschreibt die Stimmung sehr treffend. Der neue Arbeitsminister, traditionell das Bindeglied jeder Regierung zu den Arbeitnehmer-Vertretungen, hat es seiner Klientel bisher- ungewöhnlich schwer gemacht, Seine Hauruck-Methode mußte die Gewerkschaften verprellen, die ohnehin Mühe haben werden, den Beschäftigten auch in der nächsten Lohnrunde wieder Tarifabschlüsse plausibel machen zu müssen, die einen Reallohnverlust bedeuten.