Irgendwann in diesen Novembertagen wird die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik jene angeblich "magische" Grenze von zwei Millionen überschreiten; zum Ende des vergangenen Monats wurde sie nur knapp verfehlt. Danach wird es noch schlimmer kommen: 2,5 Millionen im Februar oder März und wahrscheinlich sogar drei Millionen im darauffolgenden Winter.

Das Überschreiten solcher Marken wird ein ums andere Mal die Diskussion darüber anfachen, Wie man die Arbeitslosigkeit bekämpfen oder doch wenigstens ihre Kosten mildern könnte. Bei solch bloßer Diskussion aber bleibt es – in der Sache gibt es kaum einen Fortschritt.

In der Praxis bleibt selbst der weitaus beste Weg zur Lösung der Probleme, auf den auch Bundeskanzler Helmut Kohl hingewiesen hat, vorerst verschlossen: Für die zusätzlichen Investitionen, die vonnöten wären und gefordert wurden, fehlen die Investoren. An den Märkten des Auslandes wie des Inlandes, die sie ja gerne bedienen, möchten, versiegt die Nachfrage.

Der Mangel an Investitionen perpetuiert und eskaliert die Arbeitslosigkeit. Und er führt dazu, daß die arbeitsmarktpolitische Diskussion zu einer Debatte über eine möglichst "gerechte" Verteilung des Mangels verkümmert – des Mangels an Geld zur Unterstützung der Arbeitslosen und des Mangels an Arbeitsplätzen. Den finanziellen Mangel hätte die neue Bundesregierung, stünde nicht schon bald eine Bundestagswahl an, mit einiger Sicherheit bereits gemindert: durch eine Senkung der Arbeitslosenunterstützung. Nun wird es dazu eben erst nach dem 6. März 1983 kommen.

Die Probleme am Arbeitsmarkt bestünden dann freilich fort; geholfen würde lediglich den noch Arbeitenden, die ja die Kosten der Arbeitslosigkeit tragen müssen. Die Bundesregierung glaubt deshalb, der Öffentlichkeit auch einen Vorschlag zur besseren Verteilung des Mangels an Arbeitsplätzen machen zu müssen, und weil sie diesen Vorschlag für populärer hält als den zuvor genannten, wird sie ihn noch vor der Bundestagswahl, bereits im Januar, in Form eines Gesetzentwurfes präsentieren: Räumung von Arbeitsplätzen durch eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit.

Da es aber nur selten etwas umsonst gibt, hätte auch eine Senkung der flexiblen Altersgrenze auf sechzig Jahre ihren Preis: Die Arbeitnehmer müßten dann mit einer um 15 bis zwanzig Prozent niedrigeren Rente vorliebnehmen. Das wird man ihnen natürlich nicht antun wollen, denn man will ja nicht unsozial sein. Die Rentenversicherung aber wird man kaum veranlassen können, den Renten-Abschlag geringer ausfallen zu lassen, denn sie weiß ohnedies nicht, wie sie in den kommenden Jahren ihren Verpflichtungen nachkommen soll. Also wird man sich an die Unternehmen halten. So will es auch Arbeitsminister Norbert halten. Gewerkschaften und Arbeitgeber sollen durch Tarifvertrag die Folgen einer Rentenkürzung mildern.