Jaspers’Nachlaß zu den "Großen Philosophen" / Von Willy Hochkeppel

Karl Jaspers ist uns vielleicht der Entlegenste von allen Denkern um die Mitte dieses Jahrhunderts. Befremdlich dünkt uns heute die gravitätische Pose, sein Ernst und sein Reden vom Ernst des Philosophierens. Das orphische Vokabular dieses Existenzdeuters scheint sich im Laufe weniger Jahrzehnte verschlissen zu haben. Verhallt ist sein betuliches Appellieren, verfehlt wirkt sein Insistieren auf Kommunikation – nach Adorno heutzutage nur der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönt –, pompös sein Dämmerwort vom Umgreifenden, sein Sprechen von Transzendenz; und das Ursprüngliche, auf das er sich berief, vernebelt sich, sobald man seines Sinnes habhaft zu sein vermeint. Existenzerhellung, so verlockend das klang, blieb eine dunkle Metapher, die vom Notwendigen eher entband. Mag sein, daß der Geschmack solcher endlos nachgeplapperten Begriffe, die Chiffren – ein anderes seiner Reizworte – in seinem philosophischen Gesamtwerk darstellen, uns noch zu schal auf der Zunge liegt, daß wir sie erst wieder unbefangen in den Mund nehmen können, wenn ihr penetrantes Aroma, der Duft der fünfziger Jahre, sich verflüchtigt hat.

Wir haben es hier gottlob nicht mit Jaspers’ eigener Philosophie zu tun. Ein vergleichsweise weniger anspruchsvolles, populäreres Unternehmen ist zu besprechen, nämlich die Nachlaßedition zu den Großen Philosophen, ein Werk, das Jaspers nach Kriegsende begann und von dem 1957 ein erster, rund 950 Seiten starker Band veröffentlicht wurde. Jetzt sind in zwei weiteren Bänden von zusammen fast 1350 Seiten Darstellungen, Fragmente und Notizen, angeordnet gemäß dem von Jaspers vorgegebenen Gesamtplan, erschienen, versehen mit Anmerkungen und einem Inventar des Herausgebers und einstigen persönlichen Assistenten von Jaspers, Hans Saner. Wen der philosophische Eros treibt – und wer es sich leisten kann – der findet also jetzt komplett das Werk von Karl Jaspers vor.

Darstellung ist übrigens eine Bezeichnung, die Jaspers mit Bedacht gewählt hat. Er wollte damit ausdrücken, daß er sich. als Interpret äußerste Zurückhaltung auferlegte. Jeder der vorgeführten Philosophen sollte aus sich selbst sprechen, jegliche Deutung habe nur besserem Verständnis zu dienen.

"Die großen Philosophen" werden ausdrücklich mit der Bemerkung eingeleitet, daß es sich um ein Lehrbuch und ein Lesebuch handelt, mit der Aufgabe zudem, die Philosophie grundsätzlich allen zugänglich zu machen. Für einen großen Philosophen, der Jaspers – man mag zu ihm stehen, wie man will – zweifellos selber war (seine Schriften, mehr als 30 Bände, wurden in 25 Sprachen übersetzt), ein bemerkenswert uneigennütziges Unterfangen. Hinter den Auseinandersetzungen mit den Meistern steht also nicht die Absicht, ihre Gedanken fürs eigene Werk hermeneutisch auszuschlachten, ihren Saft und ihre Kraft selbstisch sich anzuverwandeln und sie terminologisch umzufunktionieren, so wie etwa Heidegger Plato oder Hölderlin souverän sich zurechtdachte.

Zwielicht des Unentschiedenen

Solchem Verdacht bleibt natürlich ein eigenständiger Denker wie Jaspers stets ausgesetzt. Bereits 1937 fertigte Karl Löwith Jaspers’ Nietzsche-Buch damit ab, er habe die Lebensbegriffe dieses Unzeitgemäßen in Existenzbegriffe umgedeutet. Zu jener Zeit verstand man allerdings Kritik längst als Polemik, die ideologischen Fronten standen fest. Und wenn die marxistisch Progressiven den bieder-konservativen Jaspers schon nicht ins Feindbild zwängen konnten, so schoben sie ihn doch in die Riege der lauen Bürgerlichen oder der standpunktlosen Liberalen ab. Aus diesem Zwielicht des Unentschiedenen, vornehm Zurückhaltenden ist Jaspers eigentlich nie ganz herausgerückt. Sein Entschluß, 1948 ins behäbige Basel überzusiedeln, paßte nur zu gut ins vorgefertigte Bild. Noch 1960 tat Sartre das schlaffe und duckmäuserische Denken von Jaspers als Relikt ab, das kaum mehr interessiere. Jaspers war eben kein Kämpfer. Er kommentierte die Alten, in jenen Jahren jedenfalls.