Die Bewunderung für das pianistische Können Maria Judinas hält unvermindert an. Und die Verwunderung, warum jene stupenden Zeugnisse der hohen russischen Klavierschule uns bis vor Jahresfrist, als die erste Kassette (Ariola eurodisc 301 591/94) erschien, gänzlich vorenthalten bleiben konnten, hat sich eher noch verstärkt.

So mag denn auch der unerwartete Erfolg dieser ersten Schallplattendokumentation, der die Kulturbehörden in Moskau wie das Münchener Editionsunternehmen ziemlich überrascht haben muß, als untrügliches Indiz dafür anzusehen sein, daß beim heutzutage vielfach überforderten Publikum das Gespür für eine genuine Künstlerpersönlichkeit, erst recht eines solchen Formats, noch weitgehend intakt geblieben ist, ungeachtet jeden Perfektions-Fetischismus der Elektronik. Denn eine Mono-Aufnahme trübt ein hochwertiges künstlerisches Ereignis in der Regel nicht, wenn es sich als solches zu erkennen gibt. Ganz davon abgesehen, daß im vorliegenden Falle die elektronische Aufbereitung der beinahe schon "historischen" Aufnahmen frappierend gelungen ist:

"Maria Judina – Portrait einer legendären Pianistin, Vol. 2" (Werke von Beethoven, Mozart, Schubert, Brahms, Strawinsky, Schostakowitsch); Melodia Eurodisc 301 982-445 (4 LP)

Wiederum vermittelt Maria Judina in der neuen Folge einen Eindruck von der enormen Spannweite ihres Repertoires, in dem Tradition und Gegenwart mit dem gleichen künstlerischen Impetus angegangen und einem geradezu kämpferischen Engagement bewältigt wurden. Und gerade der unverzichtbare Umgang mit der zeitgenössischen Musik, der ihren gleichsam "zeitlosen" Interpretationsstil fundamental geprägt, ihren Bildungshorizont überdies nicht unwesentlich erweitert hat, rückte die Judina in geistige Nähe zu den mitteleuropäischen Zeitgenossen großen Schlags: zu Ferruccio Busoni wie Igor Strawinsky (nach der Emigration), zu Otto Klemperer und Paul Hindemith.

Pianistisch scheint ihre Position relativ unanfechtbar zwischen Schnabel und Backhaus anzusiedeln sein; im äußeren Erscheinungsbild, so stellt man bei den bislang unbekannten Photosdes Begleitheftes zur Folge 2 etwas schmunzelnd fest, ist eine gewisse Ähnlichkeit mit Golda Meir nicht zu leugnen.

Doch liegt das Geheimnis von Maria Judinas überragender Klavierspielkunst nicht ausschließlich in der rein professionellen Übertragung tiefschürfender musikalischer Essenzen. Ihre in späteren Jahren verstärkte schriftstellerische Tätigkeit, in der sie sich übergreifend mit Philosophie und Religion auseinandersetzte, läßt etwas von der permanenten Unruhe in ihrem Wesen erahnen, das sich notwendig so oder anders den Menschen mitteilen mußte.

So erfährt der Hörer des zentralen Werkes in der neuen "Portrait"-Folge Maria Judina, bei Beethovens "Diabelli"-Variationen op. 120, eine ganze Menge über die universale musikalische Potenz und noch einiges mehr über die strukturellen Merkmale ihrer künstlerischen Persönlichkeit: über ihr rebellisches Naturell wie ihre stählerne Willenskraft (ein weiterer denkbarer Bezugspunkt zur Politikerin Golda Meir), über Charakterfestigkeit, Leidenschaft und Lauterkeit, Priestertum und Humanitätsbestreben.