Von Rolf Michaelis

Wie kaputt muß ein Mensch sein, der bekennt: "So verloren wie ich bin, kann ich mich gar nicht fühlen"? Ist es Galgenhumor oder Selbsterkenntnis, wenn ein Mensch sagt: "Wer mitmacht, kommt sich frei vor"? Und wem sagt man solche Sätze: "Alles, was ich von selbst konnte, hat sich nicht bewährt. Das mußte weg. Ich bin jetzt, was man gemacht hat aus mir"?

Solche Sätze lesen wir in dem neuen Buch von:

Martin Walser: "Brief an Lord Liszt", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 153 S., 19,80 DM.

Wir lesen solche Sätze, besser: wir hören sie – wenn ein anderer Satz aus diesem Buch richtig ist: "Sie wollen erzählen. Am liebsten durch nichts als den Ton." Der Leser wird hier nämlich zum Zuhörer, zum Ohrenzeugen einer riesigen nächtlichen Beichte. Was Walser Roman nennt und als Brief (6 Seiten) mit 19 Nachschriften (115 Seiten) präsentiert, samt Einleitung (21 Seiten), zwei Zwischentexten (je 2 Seiten) und Schlußbemerkung (7 Seiten) des Erzählers, ist ein Stück Rollen-Prosa, ein einziger Monolog. Kein Selbstgespräch, sondern ein verzweifelter, trauriger, auch grotesker Versuch, mit einem anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Eine Liebes-, in Form einer Kriegs-Erklärung. Ein Akt der Selbst-Therapie, der an die Gesprächs-Orgien der psychoanalytischen Heilkunde erinnert, wenn der Briefschreiber der (Seelen-)Nacht im Morgengrauen aufseufzt: "Ich habe es hinter mir. Wir sind getrennt."

Einsames Schreiben statt gemeinsamem Reden, ein Brief mit neunzehn Postscripta statt eines Gesprächs, eine vom Dunkel und der Stille der Nacht – und vom Alkohol – gelöste Zunge, die doch stumm bleibt (auch wenn der Leser diese Prosa "hört", vorgetragen im rhapsodischen Tön der Walserschen Beredsamkeit) und schließlich: ein Brief, der nicht abgeschickt, sondern in der untersten Schublade im Schreibtisch mehr versteckt als verwahrt wird –: die ganze Zurichtung und Struktur dieses schmächtigen Romans, der Motive aus früheren Arbeiten Walsers etwas matt variiert, spricht von einer gedrückten und bedrückten Existenz, von einem Menschen, der es verlernt hat, sich ursprünglich zu geben, sich frei zu äußern. Kann es einen schlimmeren Ausdruck seiner liebeleeren Einsamkeit geben, als wenn der in der Morgenkühle fröstelnde Briefschreiber sich unter die Dusche träumt: "Stirn gegen Fliesen, das mehr als warme Wasser über sich hinströmen lassen. Wo gibt es noch soviel Zärtlichkeit wie unter einer Dusche!"?

Der Briefschreiber, Franz Horn, schrei(b)t von "Jenseits der Liebe", und wir kennen ihn aus Martin Walsers gleichnamigem Roman von 1976. Den er jetzt ironisch "Lord Liszt" nennt ("Etwas Lordhaftes haben Sie an sich. Immer tragen Sie diesen petroleumfarbenen Anzug mit den Lederknöpfen"), kennen wir auch aus dem früheren Roman, als Horns fünfzehn Jahre jüngeren Arbeitskollegen Dr. Horst Liszt in der Firma "Chemnitzer Zähne". Was in Jenseits der Liebe" Franz Horn widerfuhr, die Degradierung durch den jüngeren und akademisch gebildeten Horst Liszt, das erlebt nun Liszt durch den noch jüngeren Rudolf Ryynänen, einen einfallsreichen und verkaufstüchtigen Sunny Boy, halb Österreicher, halb Finne.