Von Hans-Christoph Blumenberg

"Mein ganzes Leben lang war ich auf alles neugierig, nicht nur auf den Menschen, den ich überall auf der Welt beobachtet habe, auf die Frau, die ich fast schmerzhaft verfolgt habe, so quälend wurde manchmal das Bedürfnis, mich mit ihr zu vereinigen; ich war neugierig auf das Meer und das Land, das ich respektiere, wie ein Gläubiger seinen Gott respektiert und verehrt, auf die Bäume, auf die kleinsten Insekten, auf das kleinste, noch gestaltlose Wesen, das in der Luft oder im Wasser lebt."

Georges Simenon, "Intime Memoiren", 1981

Die Neugier ist ein mächtiger Trieb. Niemand, auch er selber nicht, weiß genau, wie viele Romane Georges Simenon zwischen 1920 ("Au pont des arches") und 1972 ("Maigret et Monsieur Charles") geschrieben hat. 214 sind unter seinem Namen erschienen, mindestens 250 weitere dürften in den zwanziger Jahren unter Pseudonymen wie Christian Brulls oder Jean du Perry publiziert worden sein. Schon damals war Simenon für seine Schreib-Geschwindigkeit berühmt. 1927 bot ein Verleger dem jungen Mann aus Lüttich 50 000 Francs an, wenn er bereit wäre, in einem gläsernen Käfig auf der Terrasse des Moulin Rouge einen Roman in aller Öffentlichkeit zu schreiben: an einem einzigen Tag, nach spontanen Anregungen der zahlreich erwarteten Zuschauer. Das Experiment kam nur deshalb nicht zustande, weil der Verleger pleite ging.

Eine andere Chiffre der Neugier gab Simenon 1977 in einem Gespräch mit Federico Fellini über dessen "Casanova"-Film preis: eine Zahl, die nicht minder monströs (und obskur) wirkt als die seiner Bücher. "Vor ein oder zwei Jahren habe ich eine Rechnung aufgemacht. Ich habe 10 000 Frauen gehabt, seit ich dreizehneinhalb war. Das war überhaupt kein Laster. Ich habe kein sexuelles Laster, aber ich habe das Bedürfnis zu kommunizieren. Und selbst die 8000 Prostituierten unter den 10 000 waren menschliche Wesen, weibliche menschliche Wesen. Ich hätte gern alle Frauen gekannt. Unglücklicherweise, wegen meiner Heiraten, konnte ich keine wirklichen Abenteuer haben."

Spricht so "der Goethe der schweigenden Mehrheit", "der Balzac des 20. Jahrhunderts", der am meisten gelesene lebende Schriftsteller der Welt, verbreitet in rund 300 Millionen Exemplaren, bewundert von Henry Miller und André Gide, François Mauriac und Jean Cocteau? Je mehr ich von und über Georges Simenon las – das "Wunder Simenon" (François Bondy) wie den "Mann mit dem goldenen Penis" (als den ihn seine verbitterte Ex-Gattin Denise in einem Schmuddel-Buch darstellte), desto rätselhafter, gar unmöglicher erschien mir diese Figur.

"Ich konnte nie glauben, daß Simenon wirklich existiert. Seine ungeheure Produktion, das immer neue Staunen über die Vollkommenheit seiner Erzählungen, die psychologische Genauigkeit seiner unendlich vielen Figuren, die Eindrücklichkeit der Landschaftsbeschreibungen vermittelten mir stets das Bild eines hinreißenden Schriftstellers, das aber so ungreifbar und unbestimmt blieb wie etwa das Bild des Frühlings, des Meeres, das Bild von Weihnachten, das Bild von Erscheinungen, Wesenheiten, Naturelementen, Umständen, Konventionen, das man mit Vergnügen und unbewußtem Wohlgefühl in sich aufnimmt und erlebt, ohne daß es imstande wäre, die Begriffe in ihrer Dinghaftigkeit und Identität zu verkörpern." (Federico Fellini)