Hamburg

Die letzten Grüße an den "schönen Mischa" sind verwelkt. Die Endstation der größten Pomp-Revue, die der Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof seit langem erlebte, ist nur noch ein Haufen Müll. Übereinandergestapelte Kränze, abholbereit. Die 8000 Nelken, aus denen das Prunkstück der Trauerfeier, ein aufgebahrter Rolls-Royce, gesteckt war, sind bräunlich geworden, wie mit Rost überzogen. Die Orchideen, die den neun Zentner schweren Eichensarg des "schönen Mischa" schmückten, sind verschwunden. Die bunten Schleifen liegen zerknittert auf dem Rasen. Aber die Inschriften sind noch zu lesen.

Es grüßen die "Heils Angels", es grüßt "die Belegschaft Haus 20", der "Salon Mademoiselle", die "Ritze" – und es grüßt die Freundin: "Meinem Schmusi Deine Manu in Liebe."

Und dann steht da noch, ganz unscheinbar, auf einer der Schleifen, ein merkwürdiger Ausspruch: "Bis später."

Etwa zwei Wochen nach dem Selbstmord der St.-Pauli-Größe Michael Luchting – selbst die braven Friedhofswärter nennen ihn nur noch den "schönen Mischa" – findet in Ohlsdorf die nächste Ganoven-Trauerfeier statt. Und wieder wird vom amtierenden Pastor – es ist derselbe wie bei der Trauer um den "schönen Mischa" – ein Höchstmaß an innerer Bereitschaft verlangt, angesichts der Ewigkeit alle Menschen gleich zu sehen.

Denn wo er in der Halle B beim schönen Mischa über die Merkwürdigkeit des blumengesteckten Rolls-Royce hinwegzusehen hatte, da wird er nun mit den Runen einer unseligen Vergangenheit konfrontiert: Einer der neuen Toten vom St.-Pauli-Kiez nannte sich "SS-Klaus"; sein bürgerlicher Name war Klaus Breitenreicher. Er starb wenige Tage nach dem Selbstmord des schönen Mischa, zusammen mit seinem Kumpel "Angie" Jürgen Becker, im Kugelhagel aufgebrachter Zuhälter-Nebenbuhler.

Schauplatz war das Eros-Center auf St. Pauli. Die beiden Bordell-Wirtschafter "SS-Klaus" und "Angie" hatten im Etagen-Salon "Bei Ami" eine Sache klarstellen wollen, die unter zwei Frauen des Gewerbes ausgetragen worden war und mit einem blauen Auge der von Klaus und Angie betreuten Dame geendet hatte. Und weil Verdienstausfall zu erwarten stand, sollte die Konkurrenz nun Entschädigung leisten. Klaus und Angie wurden, kaum daß sie den Raum im Salon "Bei Ami" betreten hatten, von Kugeln tödlich getroffen. Der zur Verstärkung mitgebrachte "Karate-Tommy", Freund einer Schlagersängerin, konnte sich durch einen schnellen Sprung durch die Tür vor dem Schlimmsten retten.