Von Heinz Josef Herbort

Die Dame ist streitbar wie eh. Esther Vilar, die Argentinierin, die ihr Land verließ, in dessen geographischer Weite, ethnischer Heterogenität und politischer Konzeptionslosigkeit sie zum erstenmal "Angst vor der Freiheit" empfand, "Sehnsucht nach Grenzen" verspürte, "Sehnsucht, alle persönliche Verantwortung in die Hände eines anderen zu legen, sich aus freien Stücken dessen Befehlen zu beugen"; die nach Deutschland kam, dort "meist so harmlos wirkenden Männern" begegnete, die wenig zuvor mörderische Befehle ausführten, Frauen, die vor nicht langer Zeit "jenem so wenig attraktiven Mann" namens Hitler auch noch zugejubelt hatten, Aktionen und Reaktionen, die die Soziologin sich nur aus "überwältigendem Verlangen nach Regeln" erklären konnte; die ihre Erkenntnisse und Philosophien, ihre Phobien und Träume, ihre Obsessionen und Wünsche immer recht marktkonform zu Papier brachte, als Erzählung, Hörspiel, Theaterstück, als Essay, Pamphlet, Manifest oder Märchen – Esther Vilar gibt den Kampf gegen des Menschen unbewußtes Tun, seine Selbsttäuschung und Feigheit, gegen mangelnden "Mut für sich selbst" nicht auf.

Diesmal verknüpft sie ihr altes Thema mit einem auch nicht mehr ganz neuen anderen, das aber immer noch bestimmte und gar nicht so kleine Kreise beschäftigt – der Rolle der Frau in der (katholischen) Kirche –, um mit quasi hegelianisch-dialektischem Schluß daraus eine "Nachwort"-Analyse und sogar ein paar kühne Hoffnungen zu destillieren.

Ein bißchen Science-fiction gehört in jede Utopie, also fehlt sie auch nicht in –

Esther Vilar: "Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin"; F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München/Berlin, 1982; 158 S., 19,80 DM.

Wir befinden uns im Jahre 2014, und der erste Satz sagt es präzise; "Das Unfaßbare ist geschehen." immerhin: Die notwendige Bezeichnung existiert bereits, die Vokabel gibt es wirklich: "Habemus papessam – Wir haben eine Päpstin".

Entscheidendes nämlich hat sich getan: Seit 1991 gibt es auch in der katholischen Kirche Priesterinnen, seit 1998 wird das Oberhaupt demokratisch, also von allen Gläubigen gewählt, und zwar auf vier Jahre. Für den voraufgehenden Wahlkampf hat man sich offenbar den amerikanischen als Vorbild genommen, und auch was die Zugeständnisse betrifft, verhalten sich die Kandidaten angemessen: Der Deutsche Johannes XXV. veräußerte den gesamten vatikanischen Besitz und gab nach evangelischem Rat den Erlös den Armen. Diese "katholische Auktion" endete in einem "letzten Dogma" – die Unfehlbarkeit wurde abgeschafft. Pablo, der "wilde Spanier" (Johannes Paul III.), beseitigte den Zölibat und gestattete die Ehescheidung. Sein Nachfolger mußte wegen einer Korruptionsaffäre nach fünf Tagen abdanken. Nach Oscarius I., der als überzeugter Homosexueller seinen Namen auf Oscar Wilde bezog, räumte "Der Fliegende Holländer" – so genannt, weil KLM die Wahlkampfreisen finanzierte – letzte ökumenische Hindernisse aus und heiratete eine protestantische Kollegin.