Kleine Verlage beleben das Buchgeschäft

Von Heidi Dürr

So widersprüchlich wie zur Zeit war die Situation auf dem bundesdeutschen Buchmarkt schon lange nicht mehr. Während viele der etablierten Verleger und Sortimenter darüber klagen, daß "Umsatzsteigerungen und Renditen kaum ausreichen, um vertrauensvoll in die Zukunft zu investieren" (so jüngst Günther Christiansen, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels), zeigen immer mehr, vor allem jüngere Buchhändler, Mut zur Selbständigkeit.

Die vergangenen zwei Jahre kann man geradezu als eine neue Gründerzeit des Buchhandels bezeichnen. Der Börsenverein als Dachverband der Branche mußte seine Mitgliederlisten erheblich erweitern. Allein in den vergangenen zwölf Monaten stieg die Zahl der Sortimentsbuchhandlungen von 2852 auf 2997. Außerdem gewann der Verband weit mehr als hundert neue Verlage als Mitglieder. Auf der internationalen Buchmesse Anfang Oktober in Frankfurt, wo sich die Zahl der Aussteller aus der Bundesrepublik noch einmal um 52 erhöhte, tauchen ständig neue Namen auf. "Die Hälfte der Verlage", meinte etwas überspitzt Ulrich Fritz, der langjährige Vertriebsleiter des S. Fischer Verlags, "kenne ich überhaupt nicht mehr."

Diese Entwicklung, die nur noch auf dem Video-Markt und im Gaststätten-Gewerbe eine Parallele hat, ist um so erstaunlicher, als die Klagen der Branchen-Funktionäre keineswegs unbegründet sind.

So erzielte die Branche, bisher fast immer an überdurchschnittliche Zuwachsraten gewöhnt, 1981 nur noch ein Plus von vier Prozent: die Hälfte weniger als ein Jahr zuvor. Im Sortimentsbuchhandel halbierte sich auch der Gewinn. Er sank auf 0,6 Prozent vom Umsatz. In den ersten Quartalen dieses Jahres wurden nur zwei Prozent mehr Umsatz erzielt – wegen der Preissteigerungen de facto also ein Umsatz-Rückgang. Das Ergebnis könnte sich allerdings während der Hauptsaison des Buchhandels vor Weihnachten noch verbessern.

Die Zahl der in der Bundesrepublik, dem – nach den USA und der UdSSR – drittgrößten Buchproduzenten der Welt, publizierten Neuerscheinungen sank im vergangenen Jahr spürbar: um zwölf Prozent auf 59 168 Titel. Die Gründe für den Rückgang sind zum Teil in einigen großen Publikumsverlagen zu suchen, die – wie etwa die Verlagsgruppe Bertelsmann in München – ihr Programm drastisch reduzierten. Vor allem aber trugen die wissenschaftlichen Verlage dazu bei, die mit weniger Titeln auf die stark verringerten Etats der öffentlichen Bibliotheken reagierten. In einigen Sachbereichen, beispielsweise bei der juristischen, der naturwissenschaftlichen, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen, der politischen und technischen Literatur, wurde die Produktion bis zu zwanzig Prozent eingeschränkt.