Von Gerhard Seehase

Die Tür steht offen. Sie kommen in Gruppen. Jungen und Mädchen getrennt. Sie tragen Jeans und Turnschuhe, Pullover und T-Shirts, Praktisches und Bequemes. Der Schlips fehlt völlig, auch die Bügelfalte. Anmarsch zur Tanzstunde 1982.

Hamburg, Rothenbaumchaussee 112. Es ist kurz vor 17 Uhr, als ich durch die offenstehende Tür der Tanzschule Wendt gehe. Sie schauen mich verblüfft an, die 15- bis 17jährigen, die heute ihre fünfte Doppelstunde im Anfängerkurs haben. Man fürchtet die Frage hinter dem Rücken: "Was will denn der alte Knacker hier?"

Es sind vierzig Jahre her, seit ich zum letztenmal durch diese Tür ging. Damals war Krieg. Wir kamen in Gruppen, Mädchen und Jungen getrennt. Die Mädchen in Kleidern und Röcken, die Jungens mit Schlips und Kragen. Die Bügelfalte mußte scharf sein, die Haare waren kurz.

Max Wendt, der längst verstorbene Seniorchef dieser renommierten hanseatischen Tanzschule, hatte uns damals fest im Griff. Eine Respektsperson, die auf gesellschaftliche Contenance hielt, obwohl "draußen" Krieg war. Die Verbeugung – "Seitschritt links und Schluß" – wurde geübt, als hätten wir beim Auffordern lauter Prinzessinnen vor uns. Und bei den meist unglaublich peinlichen Gesprächen in der Pause hieß die Wendtsche Losung: "Keine Gespräche über das Wetter und über Politik."

Rothenbaumchaussee 112, vierzig Jahre danach. Links hinter dem Flur ist jetzt eine Saftbar, rechts ein Flipperautomat. Und im großen Saal hängt ein Poster, auf dem die Aufforderung, sich freizutanzen, mit einem nackten Mädchenpo illustriert wird. "Das Bild kommt an bei den Jugendlichen", sagt der Tanzlehrer, "nur einmal kam eine Fünfzehnjährige und fragte, ob damit nicht die Würde der Frau weggetanzt würde."

Die Jugendlichen nehmen Aufstellung, die Mädchen haben die Jungen aufgefordert. "Liebe Leute", sagt der Tanzlehrer, "auf geht’s, wir wollen am Anfang den langsamen Walzer wiederholen. In der Drehung. Mit viermal kommst du um den dicksten Jungen rum. Und die Jungens achten darauf, daß sich die Partnerinnen dabei nicht den Hals verrenken. Auch Mädchen sind Menschen."