Bücher haben ihre Schicksale. Als die deutschen Bischöfe fast ausnahmslos in Hitler "das Bollwerk gegen den Bolschewismus und die Pest der schmutzigen Literatur" sahen, meinten sie nicht zuletzt ein schmutziges Buch, das 1930 schon die einundfünfzigste Auflage erreicht hatte, das sowohl von der Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt als auch von der Naziregierung beschlagnahmt wurde, dessen sich Papst Pius XI. (der das Konkordat mit Hitler schloß) in einer Enzyklika annahm, in welcher er den Titel besagten Buches umbenannte in "Das vollkommene Dirnentum" (Casti connubii). Auf diese Weise kreierte der Papst einen neuen vollkommenen Stand und trug wesentlich zu einer noch größeren Verbreitung des Buches bei. Gemeint ist das 1926 erschienene Buch des holländischen Frauenarztes und ehemaligen Direktors der Frauenklinik in Haarlem, Theodor Hendrik van de Velde, "Die vollkommene Ehe", Verkürzung für den umständlichen Titel: "Die in physiologisch-technischer Hinsicht zu größerer Vollkommenheit gebrachte Ehe" (Vorwort des Autors).

Der zweite schwere Schlag traf dieses Buch dreißig Jahre nach dem Tod des Autors, als es 1967 durch Erweiterungen um Konfusion bereichert wurde, nachdem es schon vorher durch Kürzung um einige Substanz ärmer gemacht worden war.

Für viele Eheleute bzw. Dirnentumleute, zumal im christlichen Abendland, in dem die sexuelle Lust suspekt und darum die Kultur des Geschlechtsaktes unterentwickelt ist, wurde van de Velde eine Art Galilei des Ehebetts. Er enttabuisierte die körperlichen Beziehungen der Gatten dadurch, daß er über sie sprach, wenn auch vorzugsweise in lateinischen Ausdrücken, "weil sie in der ärztlichen Sprache die geläufigsten sind und bei der Besprechung mancher Dinge das Gefühl am meisten schonen"‚ und hob sie so aus der animalischen Stummheit in den personalen Bereich.

Van de Velde wollte Abwechslung in die ehelichen Schlafzimmer bringen, eine Abwechslung, die bisher dem Mann "nur, im Objekt möglich" schien. Es geht ihm letztlich um Treue und Liebe der Gatten, und so ist er, zumal er auch bezüglich Ehescheidung, Empfängnisverhütung und Coitus interruptus die katholischen Moralvorstellungen teilt, ja gelegentlich noch darüber hinausgeht (z. B. sexuelles Verhalten der Frau nach einem Coitus interruptus), der Meinung, "der katholischen Moral widersprechen meine Ansichten nicht". Da hatte er sich gründlich geirrt. Sexualpessimismus und Lustfeindlichkeit der katholischen Sexualmoral verbieten ein solches Werk über den intimen Freiheitsraum der Ehegatten, den total zu verwalten und zu verplanen zölibatäre Aufpasser für die wesentliche Aufgabe der Kirche halten.

Der neurotische Prozeß der Entsexualisierung ehelicher Liebe, wie er für das christliche Abendland weithin typisch ist, beginnt schon früh und wird wesentlich von Augustinus († 430) gefördert, der seinerseits übernahm, was die Stoa, die verbreitetste unter den griechisch-römischen Philosophien, gelehrt hatte: Daß "die Geschlechtslust dem Menschen nicht zum Vergnügen, sondern zur Fortpflanzung gegeben" sei (Seneca in einem Brief an seine Mutter). Oder: "Nichts ist verderbter, als seine Gattin wie eine Ehebrecherin zu lieben." Oder: "Die Männer sollen sich ihren Frauen nicht als Liebhaber, sondern als Ehemänner erweisen." Sätze der stoischen Intellektuellen, die auch bei Hieronymus, dem Zeitgenossen des Augustinus, großen Anklang finden, zum Beispiel wenn er sagt: "Kinderzeugung ist also in der Ehe erlaubt. Sinnliche Lustgefühle aber, wie sie bei der Umarmung der Dirne empfunden werden, sind bei der Gattin verdammenswert."

Von Augustinus nun werden solcherlei Auffassungen zu einem anthropologisch-theologischen Lehrgebäude aufgetürmt: Die Strafe für den Sündenfall wirkte sich in erster Linie auf dem Gebiet der Sexualität aus. Die Tatsache, daß die geschlechtliche Lust sich der Kontrolle des Willens und des Denkens entzieht, ist für Augustinus der Beweis, daß hier der Ungehorsam des Menschen gegen Gott mit Ungehorsam des Menschen gegenüber sich selbst vergolten wurde. Die heutige Geschlechtslust ist Strafe für den Sündenfall, ein malum, ein Übel. Und so lobt Augustinus die alttestamentlichen Patriarchen, die mit "vielen Frauen lediglich zur Zeugung verkehrten", gegenüber denjenigen Christen, die ihre einzige Frau "mit sinnlicher Lust gebrauchen".

Spätere Kirchenmänner haben die Sache noch weiter durchdacht, entwickelt und vervollkommnet, bis Papst Innozenz III. († 1216) verkündete: "Wer wüßte nicht, daß das eheliche Beilager niemals ohne die Glut der Unzucht, ohne den Schmutz der Libido vollzogen werden kann." Moderner, aber nur scheinbar lustfreundlicher, drückt sich 1911 der bedeutendste Moraltheologe seiner Zeit, Noldin, aus: "Der Schöpfer hat die Lust und das Verlangen nach ihr in die Natur hineingelegt, um den Menschen zu einer Sache anzulocken, die in sich schmutzig und in den Folgen lästig ist."