Die Literatur steht auf zwei Beinen. Aber jedesmal, kaum daß sie dies bemerkt, hebt sie das eine Bein und steht da wie ein Flamingo, von dem der alte Cetto gesagt hat, eine Wasserrose stehe auf zartem Stengel Aber dann hebt sich die Literatur in die Luft, und es geht unterstzuoberst an der gekrümmten Achse des Universums entlang, und wenn es ein ganzer Schwann von Flamingos ist, dann glänzt der Himmel wie ein eben aufgeblühter Rosengarten.

Wenn schon, dann hat die Literatur nichts anderes als vorgestellte, als übertragene, als verwandelte Bilder nötig, sie steht, sie geht, ja sie läuft sogar auf ihren zarten metaphorischen Beinen, ohne daß irgend jemand das geringste mit seinen Augen gesehen hat. Nein, die Literatur ist nicht das Abbild einer Schönen Vergangenheit, sie ist der Vorschein einer schöneren Zukunft.

Nun kommt der Film und lehrt die Literatur in wirklichen Bildern laufen, und die Literatur, so zart und vertrauensselig, wie sie ist, sie lernt in diesen wirklichen Bildern laufen, springen und zu allen Überfluß sogar Motorrad fahren. Hat das die Literatur nötig? Vor lauter laufenden Bildern wird das Abbild zum Vorbild und der Vorschein zum Abschein, ja das Abbild wird zum Vorbild, der Fernsehmoderator setzt sich auf das Motorrad und unternimmt eine Litera-Tour, und alle Welt hält dieses Transvestitentum für bare Münze. Und so wird dieser Vorschein zum Abschein, zur Abblende und zum farbigen Abglanz, an dem wir ja bekanntlich das Leben, aber leider keine Literatur mehr haben.

So gibt es auf der einen Seite den Abglanz und auf der anderen Seite das Leben. Das Leben mit seiner Sonne und den Flamingos hat es gut, denn jedermann erkennt das Leben als Leben, die Sonnie als Sonne und die Flamingos als Flamingos, auch wenn es vor lauter Geister- und Doppelbildern, vor lauter Mehrfachkonturen und zu weit aufgedrehter Farbsättigung so aussieht, als sei es schon der farbige Abglanz in Pal oder in Secam; der Abglanz, in dem sich die Sonne, verwandelt, im Regenbogen, und sich die Flamingos, verwandelt, im Rosengarten wiederfinden, ist nicht fürs Fernsehen, denn niemand erkennt im Regenbogen die Sonne und im Rosengarten die Flamingos, und so ist das magnetaufgezeichnete Bild so unnütz wie nur irgend denkbar.

Nun gibt es aber, entsprechend dem Abglanz auf der einen und dem Leben auf der anderen Seite neben der aufgezeichneten Sendung im Fernsehen auch die Live-Sendung, und man könnte meinen, so gehört die Live-Sendung zum Leben. Aber beim Fernsehen ist alles ganz anders und umgekehrt wie in der wirklichen Welt. Im Leben, wo jedermann dem Abglanz mißtraut, hält man sich ans nackte Dasein; im Fernsehen aber, das nichts anderes als Abglanz ist, herrscht ein tiefes Mißtrauen dem Leben gegenüber, und man hält sich lieber an die Aufzeichnung.

Nicht nur, daß alle Fernsehleute, Redakteure wie Moderatoren, tagtäglich die große Angst vor dem Live befällt und sie deshalb die Aufzeichnung bevorzugen, o nein, sie retten sich aus dem Leben noch nicht einmal auf würdige Weise in die Aufzeichnung hinein, ein schmähliches Versagen. O weh, da wird der magnetaufgezeichnete Film nicht rechtzeitig abgefahren, und der Moderator ist schon ins wirkliche Leben übergetreten, hat den obersten Hemdsknopf geöffnet und den Krawattenknoten gelockert, oder, wer gern Magazine sieht, der kann beobachten, wie der moderierende Redakteur während der Filme fest eingeschlafen ist und aus dem wirklichen Leben nur mit Widerwillen ins verwandelte Medium hinüberwechselt.

Nicht, daß die Fernsehleute daraufhin ganz offen das Leben bekennen würden, der aus dem Medium Ausgeflippte keck und selbstbewußt mit heruntergelassener Krawatte seinen Käfig verlassen und sich dem Leben in die Arme werfen würde; dagegen der gerade ins Medium Eingetretene gemächlich gähnen und unbeirrt weiterschlafen würde, Gott behüte: Kein Fernsehmensch gestattet sich eine menschliche Erleichterung. Der eine zieht rasch die Krawatte hoch, der andere reißt weit die Augen auf, und beide tun so, als sei nichts geschehen. Das heißt, der erste tut so, als sei noch eine letzte ordnende Hand an die Krawatte zu legen, und der zweite gibt sich den Anschein, als hätte er nur geschlossenen Auges anstatt in die Kamera eben einmal nach unten auf die Tischplatte geschaut.

Und dabei drängt das Fernsehen ja ins Bett. Die neue Programmstruktur mit ihren ganz frühen und ihren ganz späten Spielfilmen und den live moderierten gesellschafts- und bildungspolitischen Überbrückungssendungen dazwischen ist dazu geschaffen worden, die alte Ordnung der Bettruhe wiederherzustellen. Ludwig Harig