Eine Sängerin, die sich zwischen Ost und West nicht entscheiden möchte

Von Marlies Menge

Nur widerwillig war sie in den Zoo gekommen. „Ick kann Tiere hinter Gittern nich ertragen“, hatte Bettina Wegner mir erklärt. Tiere kommen in ihren Liedern ja auch kaum vor, „ick bin für Alkoholiker, Schwule, Behinderte, für alle Schwachen, ooch für die Alten, für Frauen und Kinder“. Wir sitzen auf einer Bank, ein Stück entfernt füttern Besucher Enten. Wir hören Geräusche von exotischen Tieren, die wir nicht sehen.

Hier in West-Berlin taucht sie nur zum Arbeiten auf. Im Tempodrom auf dem Potsdamer Platz versucht sie Ähnliches wie das, was sie früher in Ost-Berlin gemacht hat. Da war sie Veranstalterin von „Eintopp“ im Haus der jungen Talente, später von Kramladen, wo sie ihre Lieder gesungen hat und neben ihr Gäste auftraten wie der Schauspieler Manfred Krug, Schriftsteller wie Thomas Brasch, Stefan Heym, Sarah Kirsch, Klaus Schlesinger (die inzwischen alle in den Westen übergesiedelt sind). Beide Veranstaltungen waren in der DDR nur kurze Zeit geduldet worden. Im Tempodrom lesen der arrivierte Peter Schneider und der junge unbekannte Bodo Morshäuser, Bettina singt und moderiert. Sie versteht es, durch ihre burschikose Art, wohl auch durch ihr heftiges. Berlinern, eine Kumpel-Solidarität bei den Jugendlichen zu wecken.

Bettina ist eine erfolgreiche Frau. Nur noch wenige Platten fehlen bis zur Goldenen: von der ersten CBS-Platte wurden fast 250 000 Stück verkauft. Zwei weitere Langspielplatten folgten. Kürzlich erschien das zweite Taschenbuch mit Liedertexten von ihr, außerdem ein Buch mit Gedichten ihrer Schwester Claudia und Liedern von ihr. Der Erfolg scheint Bettina nicht verändert zu haben. Sie ist noch immer so dünn, daß jeder mit einem bißchen Herz im Leibe sie zu einer warmen Suppe einladen möchte. Ich kenne sie lange genug, um zu wissen: Sie ist ebenso zäh wie dünn.

Bettina Wegner ist nicht nur unbequem für die DDR, in der sie überhaupt nicht mehr auftreten darf, sie ist auch unbequem für den Westen, wenn man beispielsweise an ihr Lied denkt: „In einem Land, wo Nazis Richter sind“. Sie hat ihren eigenen Kopf, und sie verteidigt ihre Gedanken, auch wenn andere sie für überdreht und verrückt halten. Da legt sie sich auch mit den besten Freunden an.