Von Hans Joachim Müller

Deutsche Künstler zuhauf in New Yorker Galerien. Kein einflußreicher amerikanischer Kunsthändler mehr auf der Basler Kunstmesse in diesem Jahr. Aufgeregte Nachrichten, die gleich die große Wetterwende signalisieren wollen. Keine der ausladenden Kunstveranstaltungen der letzten Monate, ob documenta oder "Zeitgeist"-Ausstellung in Berlin, hat vergessen, gleichlautende Präsenzlisten vorzulegen. Und stets rangierten da europäische Künstler, deutsche zumal, vor den amerikanischen. Stolz, unüberhörbar, unübersehbar, hat sich in die Zählungen gemischt. Schließlich habe der Medaillenspiegel noch vor nicht allzu langer Zeit ganz anders ausgesehen. Und schließlich hätten wir bis kürzlich schneller und besser über amerikanische Ateliers Bescheid gewußt als über unsere deutschen.

Die Erklärungen für die plötzliche Verkehrung im transatlantischen Kunstaustausch klingen immer gleich schlapp, beginnen mit "wiedererwachtem Selbstbewußtsein nach Jahrzehnten der amerikanischen Kunstinvasion" und enden bei der "Hochkonjunktur dumpfer Expressionismen", die eben nur als echt Zu gelten haben, wenn sie aus deutschen Landen stammen.

Mag sein. Viel eher trifft aber zu, daß auf ganz breiter Front die Bereitschaft zum verläßlichen Dokumentieren erloschen ist, jene sammelnde Neugier, die mit den Belegen immer auch die Gegenbelege zusammenträgt. Die "Inszenierungen" der letzten Zeit, die sich selber Bilanzaufgaben zumaßen, haben alle mit starrem Scheinwerfer gearbeitet und nur so angebliche Trends ergeben.

Zum rechten Zeitpunkt läßt sich jetzt nachprüfen, wieviel deutsche Kunst in den USA tatsächlich galt und gilt. Das Busch-Reisinger Museum der Harvard Universität, das einzige amerikanische Museum, das vorzugsweise deutsche Kunst sammelt, zeigt den Kern seiner Bestände im Frankfurter Städel. Eine Ausstellung, die wie Beruhigung wirkt, fast ein Wunder an Ernsthaftigkeit nach, einer Saison voll frecher Behauptungen.

Das Museum ist mit dem Jahrhundert geboren. Die Idee hatten die Germanisten in Harvard. Eine Idee, die so selbstlos und allein auf die Sache bezogen natürlich nicht war. Mit der Hand an der Hosennaht vernahmen die Gründerväter die Depesche aus der Heimat: "Der deutsche Kaiser wird also, das ist nicht zu viel gesagt, der eigentliche Begründer eines amerikanischen Universitätsinstituts werden, welches in hervorragender Weise dazu angethan ist, deutsche und amerikanische Cultur zu verschmelzen, und so zur Verwirklichung des großen panamerikanischen Bündnisses beizutragen, auf dem die Gewähr dauernder Leistungsfähigkeit der teutonischen Rasse in dem Kampf um die Veitherrschaft beruht."

Noch heute darf der Besucher unter einem Musterkoffer-Satz des deutschen Idealismus ins Museum eintauchen: "Es ist der Geist, der sich den Körper baut."