Von Erna Lackner

Mutter Teresa in Jennersdorf. Die Friedensnobelpreisträgerin ist von einem Ende der Welt an ein anderes Ende der Welt gekommen. Von Kalkutta in ein Nest im südlichen Burgenland. Aus Wien ruft eine Frau im Pfarrhof an: "Warum Jennersdorf!?" – "Daß Mutter Teresa zu uns gekommen ist, ist keine Sensation (Gott behüte!), sondern die Krönung einer jahrelangen Arbeit, die wir als Mitarbeiter der Gemeinschaft ‚Missionarinnen der Nächstenliebe’ geleistet haben", unterrichtet Pfarrer Alois Luisser die verwunderte Fragerin. In Jennersdorf gibt es ein Spendenkonto für den Orden, und der Pfarrer unterstützt mit dem Geld ein Haus der Kongregation in Zagreb. Von dort aus ist Mutter Teresa auch kurzfristig und "endlich!" angereist.

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Jennersdorf, abseits von allen großen Wegen, nahe dem Dreiländereck Österreich-Jugoslawien-Ungarn, ist eine Kleinstadt mit nicht viel mehr als einer Ansammlung von niedrigen Häusern, die links und rechts entlang einer Straße stehen. Nach Jennersdorf kommt man höchstens wegen eines "Freßlokals": Der "Raffel" ist Schlemmern aus Wien und Graz die weite Anfahrt manchmal wert.

Man sieht sie nicht. Jennersdorfer Schulkinder haben ihr Spielzeug geschenkt, das sie an Kinder in Beirut weitergeben will. "Lobet und preiset ihr Völker den Herrn" in der Stadtpfarrkirche, die an einem hellen Werktagnachmittag voll ist. Ein Gespräch mit Mitarbeitern und Religionslehrern ist geplant. Gedränge vor dem Pfarrhof, gedämpftes Gedränge. Alle sprechen betont leise und sanft – und doch ist Trubel. "Die Mutter einmal sehen ... !" Jünger und Jüngerinnen sind von weither gekommen. Ein junger Lehrer aus Tirol muß nach diesen paar Stunden die ganze Nacht durchfahren, um am nächsten Tag wieder in der Schule zu sein. Er ist einer der 2000 Mitarbeiter Mutter Teresas in Österreich. Der Orden selbst hat 219 Häuser in 52 Ländern der Erde und kennt keinen Nachwuchsmangel wie andere Klöster.

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Klein, zierlich, verhutzelt, mit gekrümmtem Rücken, unscheinbar sitzt sie in der versammelten Runde. Das Farbphotogesicht an der Wand ist viel größer als ihr leibhaftiges. Tiefe Furchen. Die Hände liegen, groß und abgerackert, im Schoß. Das weiße Tuen mit den blauen Randstreifen tief in die Stirn gezogen. Wie eine alte Bäuerin sieht sie aus.