Lützen

Vermutlich liegt es an der Unbefangenheit eines Staates, der einige Jahrhunderte von Kriegen verschont geblieben ist, eine Schlacht noch nach 350 Jahren so aufwendig zu feiern, selbst wenn sie das Leben ihres großen Königs Gustav II. Adolf gekostet hatte. Möglicherweise erinnern sich die Schweden auch noch gern an die wenigen Jahrzehnte, in denen sie europäische Großmacht sein durften unter eben diesem König. Was allerdings die DDR an der Schlacht von Lützen zu feiern hatte, ist nicht so leicht einzusehen. Vielleicht ist sie zufrieden damit, einem anderen Staat an der Ostsee einen Gefallen zu tun. Immerhin hatten die evangelische Kirche der DDR gemeinsam mit der schwedischen Kirche zu den Festlichkeiten anläßlich des 350. Jahrestages der Schlacht zu Lützen gebeten.

Offizieller Höhepunkt war ein Gottesdienst in der Stadtkirche von Lützen, dem fremde Uniformen und alte Regimentsfahnen leicht exotischen Glanz verliehen. Vorsorglich betonte Bischof Krusche aus der DDR: „Wir wollen keinen Heldengedenktag.“ Das Oberhaupt der schwedischen Kirche, Erzbischof Sundby, ergänzte (in deutscher Sprache): „Wir feiern hier nicht den Kriegshelden und unvergeßlichen Staatsmann, sondern einen Menschen, bei dem der christliche Glaube eine lebendige Wirklichkeit war.“

Anschließend marschierte man gemeinsam zur Gedenkstätte der Schlacht. Vorneweg Fahnenträger, schwedische und finnische Offiziere, Bischöfe und Pfarrer, hinterher viele angereiste Schweden und die neugierigen Lützener. Es war unvermittelt kalt geworden, aber Nebel wie vor 350 Jahren gab es nicht. Die drei Windmühlen, bei denen Wallenstein seine Truppen hatte aufmarschieren lassen, stehen schon lange nicht mehr. Auch der Graben, in den er die Musketiere postiert hatte, damit sie den Pferden angreifender schwedischer Kavallerie in den Bauch schießen konnten, ist kaum noch zu erkennen. Fast das gesamte Schlachtfeld ist Acker einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Hatten die Bürger bis jetzt die schwedischen Reisebusse und die Staatskarossen mit den Standarten bestaunt, suchten sie nun nach Mitgliedern der königlichen Familie. Lange war erzählt worden, der schwedische König würde kommen, notfalls Königin Silvia; geschickt worden waren schließlich der 94jährige (westdeutsche) Onkel Ernst Sommerlath und Reichsmarschall Sten Rudholm.

Die Gedenkstätte war am Tag vorher um ein Blockhaus erweitert worden. Die Fertigteile hatten die Schweden spendiert, zusammengebaut hatten sie die PGH Bau- und Ausbauhandwerk, Lützen. Das Ganze ist jetzt ein Museum. Nach einem Versöhnungsgebet in der Kapelle legte der Reichsmarschall einen Kranz des schwedischen Königs am neuen Denkmal nieder, Bischof Krusche für die evangelische Kirche in der DDR, es folgten die schwedischen und finnischen Botschafter, der Bürgermeister der Stadt Lützen vertrat die staatlichen Organe der DDR. Die Hallense Blaskapelle spielte „Ich hatt’ einen Kameraden“. Im Denkmal sind die Worte eingraviert: „Hier fiel Gustav Adolf am 6, November 1632“ und „Er führte des Herrn Kriege“. Ein Gedenkstein kennzeichnet die Stelle, an der Gustav Adolf starb, mit einer Schußwunde zwischen Ohr und Auge, einem Dolchstoß und Schuß in der Seite, zwei Kugeln im Arm und eine im Rücken. Nackt, ausgeplündert von kaiserlichen Soldaten, soll man ihn hier unter einem Haufen anonymer Toter gefunden haben.

Die Schaulustigen standen Schlange vor dem neuen Museum, in dem Funde vom Schlachtfeld zu bewundern waren: Schwerter, Geschützkugeln, ein Helm und eine Rüstung; eine schwedische Bibel aus der Zeit Gustav Adolfs und als wertvolle Leihgabe aus dem Staatsarchiv Dresden: die Originalurkunde über den Westfälischen Frieden für das Kurfürstentum Sachsen.