Gustav Adolf von Schweden: Zwei Biographien entdecken eine Gestalt der europäischen Geschichte neu

Von Karl-Heinz Janßen

Nicht nur Sterne und Zeichen sahen die Menschen des Barock am Himmel dahinziehen, bisweilen auch ganze Heere mit Schwertergeklirr und Donnergetöse aufeinanderprallen. Fontane hat eine solche wilde Geisterjagd im Nebel über der schwedischen Heide beschworen. Zu Tode erschrockene Bauern sehen einen herrenlosen Schimmel davonpreschen: "Der Sattel blutig, blutig die Mähn/Ganz Schweden hat das Roß gesehn; -/Auf dem Felde von Lützen am selben Tag/Gustav Adolf in seinem Blute lag".

Nebel – das wissen wir nun nach 350 Jahren endlich – lag an jenem historischen 6. November 1632 (nach damaliger schwedischer Zeitrechnung, die um zehn Tage hinter dem neuen Gregorianischen Kalender herhinkte), also Nebel lag nicht über dem Schlachtfeld in der Nähe von Leipzig. Wohl aber Rauch und Pulverqualm. Und einen Schimmel hat der Schwedenkönig auch nicht geritten, sondern einen kleinen Schwarzbraunen, der noch im königlichen Schloß zu Stockholm zu bewundern ist. Weniger genau weiß man, wie Gustav Adolf im Kampfgetümmel ums Leben kam. Neun Wunden – durch Kugeln und Schwertstreiche – trug er davon. Die Leiche, von den Kaiserlichen für die eines Offiziers gehalten, wurde geplündert und blieb fast nackt auf der Walstatt, wo sie später gefunden wurde.

Am Ort des Geschehens befindet sich noch heute eine Gedenkstätte: eine Kapelle, ein Museum, bestückt mit einer schwedischen Flagge, die sich hier mitten in der DDR, unmittelbar an der Straße von Leipzig nach Weißenfels, seltsam genug ausnimmt. Es entbehrt auch nicht der Ironie, daß der kommunistische deutsche Staat in diesen Wochen des Gefallenen durch einen Staatsakt gedachte – jenes Mannes also, der seinerzeit durch sein Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg die Freiheit des protestantischen Glaubensbekenntnisses vor der Gegenreformation, die Libertät der deutschen Stände vor dem diktatorischen Machtanspruch und Europa vor der Alleinherrschaft des habsburgisch-spanischen Dominats bewahren half.

Gleich in zwei Biographien wird er in diesem Herbst der Vergessenheit entrissen. Sein großer Gegenspieler Wallenstein ist einem breiteren Publikum schon vor einigen Jahren durch die dickleibigen Werke von Golo Mann und Hellmut Diwald wieder vertraut worden. Doch was wissen wir noch von dem König und Feldherrn aus dem Land der Mitternachtssonne, der immerhin – wie der jetzige König von Schweden – von Geburt ein halber Deutscher war, zudem mit einer Deutschen verheiratet, und überdies einem Vereine zum Schutze der evangelischen Diaspora seinen Namen gab?

Der rettende "Löwe aus Mitternacht" ist er den bedrängten Protestanten, ein "reißend Tier" den Katholischen; den "ersten Feldherrn seines Jahrhunderts" nennt ihn Schiller, ("auch in der Trunkenheit seines Glückes noch Mensch und noch Christ, aber auch in seiner Andacht noch Held und noch König"); als "Held und Meister auch der deutschen Geschichte" feiert ihn der liberale Veit Valentin; als "Kreuzfahrer", gar als "Don Quixote" sieht ihn, poetisch verzeichnet, Golo Mann und hängt ihm weitere Attribute an, wie sie in der bürgerlich-protestantisch-borussianischen Erbauungsliteratur des 19. Jahrhunderts gang und gäbe waren: "der fromme, streitlustige Soldat und schöpferischste unter den Regenten, der Helle, der Bezaubernde". Nicht durchgesetzt hat sich dagegen Gustav Droysen, einer der großen preußischen Historiker, der dem König den Nimbus des "Erlösers" entreißen und ihn als "Eroberer" entlarven wollte, der mit seinem Tod Deutschland den größten Dienst erwiesen habe; nach der Kaiserkrone habe er gestrebt, so liest man es heute noch; "Herr des Meeres, Herr der Erde" zu werden, soll, so Ricarda Huch, sein Sinnen und Trachten gewesen sein. Sein "Verzage nicht, du Häuflein klein" ist uns in den Gesangbüchern erhalten geblieben, und sein Schlachtruf "Gott mit uns" zierte die Koppelschlösser beider Weltkriege. Fremdartig, außer der Reihe mutet da ein Hölderlin-Wort an: "Erwäger des Rechts". Sollte der Dichter als einziger den wahren Kern dieses gekrönten Staatsmannes erfaßt haben?