Von Hermann Rudolph

Der Parteitag war kaum zu Ende, da stand die Bundesgeschäftsstelle schon mit einem Poster bereit, das ihn zum Zwecke der politischen Werbung verewigen soll. Es zeigt die Halle II des Congress Centrums in Berlin in geschäftiger Arbeitsstimmung, vorn die Delegierten an ihren Tischen, dahinter, leicht verschwimmend, die Vorstands-Empore, darüber die Plakatwand an der Rückseite, die verkündet, daß hier der 33. ordentliche Bundesparteitag der FDP tage. Einkopiert sind in das Bild Schriftblöcke, die die Ergebnisse seiner Arbeit festhalten: Der Parteitag habe eine neue Führung gewählt, der Bildung der neuen Koalition zugestimmt, liberale Lösungen für die entscheidenden Herausforderungen der Zukunft angeboten und klare Entscheidungen gefällt. Darüber steht in fetten Lettern: Die Liberalen treten geschlossen an.

Das Bild, das das Plakat wiedergibt, ist nicht geschönt. So nüchtern und arbeitsam, wie es das grobkörnige Photo dokumentiert, sah es in der Tat aus in dem Saal, in dem Ende der vergangenen Woche die FDP zu ihrem mit Spannung erwarteten Parteitag zusammentrat. Selbst seine Ergebnisse mag man, wenn es nach dem Buchstaben geht, so verstehen können, wie es die Sprechblasen behaupten. Aber wer diesen drei Tagen in Berlin beigewohnt hat, der fragt sich dennoch, ob dieses Poster tatsächlich ein Werbeplakat der FDP oder nicht doch eine Kreation des Heidelberger Graphikers Klaus Staeck ist. Dessen Spezialität ist es bekanntlich, wirklichkeitsgetreue Photos so zu verfremden, daß sie zur Satire auf das werden, was sie darstellen.

Dieser Berliner Parteitag der FDP war jedenfalls alles andere als die nüchtern-geschäftige Arbeitsversammlung, die die Geschäftsstelle rückblickend in ihm sehen möchte. Er war ein Tummelplatz für Leidenschaften, entschlossenen Durchhaltewillen, alte und neue Abrechnungen und viel verzweifelte Ratlosigkeit, manchmal bis an die Grenzen dessen, was eine solche Veranstaltung noch erträgt. Seine Ergebnisse bezeugen auch nichts weniger als Klarheit und Eindeutigkeit. Sie machen vielmehr Spannungen sichtbar, deren Auflösung gegenwärtig nicht einmal absehbar ist. Und von Geschlossenheit kann erst recht keine Rede sein: Wenn der Berliner Parteitag eins deutlich gemacht hat, dann ist es der tiefe Riß, der durch die Partei geht.

Gewiß, der Parteitag hat Hans-Dietrich Genscher wieder zum Vorsitzenden der FDP gewählt. Er hat den Wechsel von der SPD zur Union gebilligt. Er hat eine Parteiführung bestellt, die das neue Regierungsbündnis stützt, und Beschlüsse gefaßt, die zum überwiegenden Teil dessen Positionen bekräftigen. Aber so wie das alles zustande gekommen ist, in Kraftproben und erbitterten Auseinandersetzungen, mit rücksichtslosen Manövern und frontenaufreißenden Angriffen, demonstriert es nicht so sehr die Unterstützung der FDP für Hans-Dietrich Genscher und seine Politik der Wende als vielmehr die Unüberbrückbarkeit der Fronten, die er mit dieser Politik in der Partei aufgerissen hat.

Das war in Berlin schon ablesbar an dem Beifall, mit dem die Delegierten auf die Redner reagierten: Von Anfang an, beginnend mit Genschers Eröffnungsansprache, teilte er das Auditorium, ging quer auch durch die in geschlossenen Gruppen sitzenden Landesverbände, trennte selbst die Vorstandsriege auf der Bühne; nur ganz selten Noch der Applaus über diese Grenzen hinweg. Noch deutlicher wurde die Zerspaltenheit in der Debatte. Zwar wurde da kaum ein Wort so strasobald wie das vom Aufeinanderzugehen. Aber sobald ihm die Diskussion Tribut geleistet worden aus. brach die Diskussion in den Schlagabtausch aus. Und den Exempel wurde dieser Zustand der FDP bei den Abstimmungen über die Führung der Partei.