Kein Zweifel, Friedensgespräche in der Kirche wirken ansteckend. Skandinaviens Kirchen – führer laden Repräsentanten aller christlichen Glaubensgemeinschaften zu einer „überlebensorientierten Bewußtseinsbildung“. Die niederländischen Reformierten ächten Atomwaffen und die Drohung mit ihnen. DDR-Kirchenbund und EKD führen intensive Gespräche über die Friedensverantwortung der Christen. Die beiden Kirchen an der vordersten Linie der Blocksysteme stimmen überein: „Kein Ziel oder Wert kann heute die Auslösung eines Krieges rechtfertigen.“

Zuvor schon hatte die Evangelische Kirche in Deutschland eine Friedensdenkschrift vorgelegt. Einer der Kernsätze: „Wird der Spielraum, den die gegenseitige Abschreckung vorläufig noch einer politischen Sicherung gewährt, nicht dazu genutzt, die Kette der Rüstungsmaßnahmen zu durchbrechen, so wird der Zeitpunkt kommen, wo Skandal und Risiko der Rüstungsspirale höher veranschlagt werden müssen als der Nutzen der Abschreckung.“

Den deutschen Reformierten – sie vertreten zehn Prozent der Protestanten – scheint nicht mehr so viel Zeit für Abgewogenheit zu bleiben. Sie formulieren bündig: „Massenvernichtungswaffen zerstören, was sie zu verteidigen vorgeben. Ihnen gilt ein bedingungsloses Nein! Ein Nein ohne jedes Ja!“ Die Haltung zu den Massenvernichtungswaffen erhoben die Reformierten zu einer „Bekenntnisfrage“ – was selbstredend lutherischen Widerspruch wie zu Zeiten wirklicher Bekenntniskämpfe auslöste, samt einer weiteren Flut von Einlassungen zu Krieg und Frieden.

Dieser verbale Schlagabtausch erinnert daran, wie tief die Gräben zwischen den diversen christlichen Traditionen, zwischen Pazifismus und „gerechtem Krieg“, zwischen Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ und Calvins Staatslehre noch immer sind. Ein Auftrag, sich über eine Theologie des Friedens zusammenzusetzen, würde auch heute in spektakulärem Unfrieden enden. Entscheidend neu in der ökomenischen Debatte ist denn auch, daß nicht eine „Theologie des Friedens“, sondern vitale Angst vor dem letzten Krieg die Richtung bestimmt.

Natürlich entstehen nun statt theologischer sofort politisch-praktische Verwerfungen, wie die Friedensdebatte in England zeigt. Ein Bericht aus der staatstragenden Anglikanischen Kirche mit dem Titel „Die Kirche und die Bombe“ spaltet die Reihen. Kern der neuen Moraltheologie ist ein Plädoyer für schrittweisen Abbau des britischen Atomwaffenpotentials und Verzicht auf Neuanschaffungen Zum dritten Mal nach unpatriotischnüchternem Verhalten während der Falkland-Siegesfeiern sowie nach Manipulationen am martialischen Text der Nationalhymne war die Kirche Ihrer Majestät vom Allzugewohnten abgewichen – den Lutheranern zum Vorbild.

Die Atom-Debatte in Großbritannien unterscheidet sich von jener in Deutschland nicht zuletzt dadurch, daß England selber Atommacht ist und die von der Kirche erreichte öffentliche Meinung direkt mit den atomaren Verantwortungsträgern verbunden ist. Dies gilt noch viel ausgeprägter für die USA und die Debatten in den amerikanischen Kirchen. Einen aufsehenerregenden Beitrag dazu liefern jetzt die katholischen Bischöfe. Da amerikanische Katholiken lange Zeit nicht zu den ersten Adressen der tonangebenden Gesellschaftsschichten zählten, nicht zu den WASP (Weiß; Angelsächsisch; Protestantisch) gehörten, wurde ihre moralische und kritische Potenz auch nicht durch Verfilzung geschwächt. Jetzt wurden zahlreiche katholische US-Bischöfe sogar zu Wortführern der Anti-Atomdebatte.

Damit ist vollends deutlich: Die Friedensthematik ist in kürzester Zeit aus dem Bereich von Randgruppen bis in das Zentrum fast aller etablierten Kirchenorganisationen vorgedrungen. Das heißt: Über der Sorge um die Erhaltung des Weltfriedens hat sich offensichtlich eine neue, real existierende Ökumene herausgebildet. Der Angst vor dem atomaren Holocaust ist damit etwas gelungen, woran jeder organisierte Theologendisput samt aller gemischten Kommissionen voraussichtlich gescheitert wäre. Dieser kirchengeschichtlich einmalige Vorgang entspricht dem Gefühl bislang einmaliger Bedrohung. Für hagestolzen Brandschutz in alten Lehrgebäuden wird das Wasser knapp, wenn vorausempfundene Hitzewellen eines selbstgemachten Weltuntergangs bereits die Haut versengen.