ZEIT: Das Bundesverfassungsgericht hat die rund zwei Millionen Alleinerziehenden-Haushalte in der Bundesrepublik praktisch in den Kreis der Familien aufgenommen und ihre steuerliche Benachteiligung gegenüber den Ehepaaren bemängelt. Beschämt dieses Urteil nicht gerade die Parteien und Politiker, die den Schutz der Familie zu wahren vorgeben, gleichwohl aber die Diskriminierung der "Halbfamilien zugelassen haben?

Geißler: Nein, diesen Vorwurf muß ich zurückweisen. Die sogenannten Halbfamilien, die Alleinerziehenden mit Kindern, stehen ja auch unter dem Schutz des Grundgesetzes. Entscheidend ist nämlich die Tatsache, daß in dieser Familie Kinder vorhanden sind; der Schutz des Grundgesetzes bezieht sich ja nicht allein auf kinderlose Ehepaare, sondern auch auf solche Familien, in denen zwar ein Elternteil fehlt, in denen aber Kinder vorhanden sind.

ZEIT: In der Steuerpraxis aber hat sich dieser Schutz, abgesehen von einem Haushaltsfreibetrag und kleineren Vergünstigungen bei den Sonderausgaben, kaum ausgewirkt. Wird die Bundesregierung diesen materiellen Schutz nun erheblich ausweiten?

Geißler: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist nicht zu beanstanden, sondern es war überfällig. Es besagt, daß die Alleinerziehenden entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit besteuert werden sollen, wobei vor allem der zusätzliche Aufwand für die Kinder berücksichtigt werden muß. Wie das geschehen soll, läßt das Gericht offen. Allerdings gibt es einen Hinweis in eine Richtung, die auch die Bundesregierung anstrebt, nämlich das einkommensteuerliche Familiensplitting, in das auch die Halbfamilien einzubeziehen sind. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist geradezu eine Ermunterung für die Bundesregierung, das Familiensplitting ab 1984 einzuführen.

ZEIT: Nach der Fristsetzung des Gerichts könnten sie sogar ein Jahr später damit anfangen.

Geißler: Ja, aber wir haben in der Regierungserklärung den 1. 1. 1984 als Datum genannt. Der Vorschlag der Bundesregierung, ein Familiensplitting einzuführen, ist sicher eine unserer bedeutendsten politischen Entscheidungen. Sie leitet eine grundlegende Änderung des Steuerrechts ein.

ZEIT: Diese Änderung kostet Geld. Werden vor allem jene dafür aufkommen müssen, die bislang vom Steuer-Splitting am meisten profitieren: Ehepaare, bei denen ein Partner sehr gut verdient, während der andere nicht berufstätig ist?