Manchmal werde ich gefragt, ob ich meinen Kindern Märchen erzählt hätte. Ich habe es nie. jedesmal wundern sich die Frager, weshalb einer, der schreibt, nicht auch unbedingt die Lust verspüre, mündlich zu erzählen. Aber es ist so. Meine Kinder mußten ohne Märchen auskommen. Während mich von frühauf, weil ich sie von meinem Vater gehört hatte (und ich glaube, mich noch nach mehr als vierzig Jahren an seine immer wieder zögernde, nach dem treffenden Wort suchende Stimme zu erinnern), zwei Märchen begleiteten: "Der Froschkönig" und "Die Gänsemagd".

Es ist ein widersprüchliches Paar, das mir da nachlief, die aufsässige Magd, die an Stelle des Prinzen den König heiratet, und der ergebene Diener, der auf seinen in einen Frosch verwandelten Herrn wartet. Ich weiß nicht, weshalb mein Vater gerade diese Märchen mochte und mir viele Male erzählte, doch ich weiß, weshalb sie mir blieben: Der Gedichte, der rätselhaften und ans Herz gehenden Verse wegen, die der Musik schon ganz nah, schon auf dem Sprung in eine unendlich vertraute und traurige Melodie sind: Wenn ich mir "O du Falada, da du hangest" oder "Weh’! weh’! Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen!" oder "Heinrich, der Wagen bricht! – Nein, Herr, der Wagen nicht" aufsage, fällt mir, wie von selbst, der Leiermann aus Schuberts Winterreise ein, und ich kann mir keine andere Musik mehr für die Märchenzeilen vorstellen.

Rike hat, mit zwölf oder dreizehn, von sich aus Märchenbände zu lesen und zu sammeln begonnen, womöglich anfangs sogar gegen mich. Wir haben nie über Märchen gesprochen. Sie fragte mich nur, kam ein Märchenband, ob sie ihn haben könne. Hast du sie gelesen, hätte ich sie fragen können, den Hauff, die irischen, spanischen, russischen Märchen und die der Brüder Grimm? Ich scheute mich. Wir konnten uns zwar ohne Mühe über Böll und die Seghers unterhalten, über Franz Kafka, und weshalb es so schwierig sei, Kleist zu lesen; aber wir wären nie darauf gekommen, über den Fundevogel oder das Rotkäppchen zu reden.

Das änderte sich, als unlängst zwei liebevoll ausgestattete Bände ins Haus kamen –

"Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm."

Die authentische Ausgabe von 1819, textkritisch revidiert und mit einem ausführlichen Bericht zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte versehen von Heinz Rölleke; Eugen Diederichs Verlag, Köln; 2 Bände im Schuber, 592 S., 56,– DM.

Ich müßte die Märchen besprechen, erklärte ich, was ihr nicht einleuchtete. Verstehst du überhaupt etwas davon? Im Grunde wollte sie mir die schönen Bände bloß abspenstig machen. Sie gehörten, fand sie, in die Goldrückenreihe auf ihrem Regal.