Von W. Martin Lüdke

Mit dem Ende, also dem letzten der – zufällig absichtsvoll: dreizehn – Essays wäre zu beginnen. Der Titel dieses kurzen, dafür gewichtigen Essays, fraglos ernst gemeint und entsprechend ernst zu nehmen, lautet schlicht: "Über den Begriff der Verarschung als literarisches Kriterium."

Jeder Versuch, die subversive Qualität dieser Überlegungen auch nur anzudeuten, führt aufs Glatteis und provoziert (bei mir) die Versuchung, mich wieder zurückzuziehen, etwa auf den elften Essay, der, unzweideutig, von der "Deutschen Lyrik der achtziger Jahre" spricht. Nur heißt es dort auch gleich wieder: "Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub, ich Übergeb mich gleich. Dabei geht es wirklich um die Lyrik der achtziger Jahre. Und wo es ihm um die "Verarschung" geht, sagt Heißenbüttel ausdrücklich: "Im Ernst. Und ich rede hier im Ernst." Zur Bekräftigung zitiert er Goethe, sogar "Faust, 2. Teil, Schluß": "Alles Vergängliche/Ist nur ein Gleichnis;/Das Unzulängliche,/Hier wird’s Ereignis ;/Das Unbeschreibliche,/Hier ist’s getan;/Das Ewig-Weibliche/Zieht uns hinan." Und fragt aber: "Hat er das wirklich so gemeint, der Klassiker?" Heißenbüttel zitiert dann weiter Goethe, noch immer Faust, doch nun den unterdrückten Teil (Neugierige sind auf Albrecht Schöne: "Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult" zu verweisen), und folgert, zusammengefaßt, daß Goethe "die bis heute seinem Wort Folgenden verarscht" habe. Es folgen weitere Belege, darunter das schöne Gedicht von Brecht, das "Lied der preiswerten Lyriker". Also: eine ernst gemeinte Verarschung. Es geht nämlich, so Heißenbüttel, "um die Ideologie des Poetischen. Die Verarschung, deren sich Brecht bedient, läßt zweierlei dem Zuhörer aufstoßen: daß noch in der letzten lyrischen Phrase etwas steckt, das gesellschaftliche Macht stützt und daß unsere Welt ohne die Ideologie des Poetischen vielleicht nicht so wäre, wie sie ist, falsch, verlogen, wertlos. So gesagt, wird allerdings die Aussage merkwürdig N; platt... Erst in der Umkehr, im Hinterslichtführen... wird etwas lebendie." Ein Zeichen des Widerstands, eine subversive Qualität, ein "Rest, der nicht aufzulösen ist". Zu diesem Mittel greifen, heißt, nicht nach einer "Lösung", sondern nach einer "Aufzeichnung" suchen: "Ich knalle es hin. Oder ich schmuggle es hin. Was? Ich weiß es nicht. Auch dies ist eine Verarschung."

Ich sehe keinen Grund zu widersprechen und beginne deshalb am besten noch einmal von vorne, etwa so: Schon der Versuch, den traurigen Zustand der literarischen Kritik in diesem Lande zu beklagen, führt ins Zentrum der Überlegungen von Helmut Heißenbüttel. Literarisch/literaturkritische Essays, in den letzten sieben Jahren entstanden, da und dort, also verstreut publiziert, und mit Gott und der Welt, also Ohrwürmern, vaterländischen Romanen, unverhofften Krokodilen, Heinrich Heine, Karl Kraus, libidinösen Epen, Hegel und fliegenden Fröschen befaßt, und immer auch mit den Bedingungen, den Möglichkeiten literarischer Kritik heute. Also: mit Fragen. Heißenbüttel geht von einer fundamentalen Unsicherheit aus und kehrt am Ende zurück – zu den Fragen, zum Zweifel, zur Unsicherheit. Wer Gewißheiten erwartet, wer nach der Zerstörung von Formen und Konventionen, von Normen und Methoden, neue Normen und Konventionen, neue Formen und gesicherte Methoden erwartet, der wird am Ende, mit Verlaub gesagt, verarscht.

Dieser Befund läßt sich zugleich als Erklärung lesen: für die Schwierigkeiten gegenwärtiger Literaturkritik. Eine solche Kritik kann nämlich nicht in einer Kaufempfehlung aufgehen, kann keine klaren Alternativen bieten und, wo doch alles durcheinandergeht, eindeutige Entscheidungen treffen, sondern allenfalls: zur Skepsis aufrufen, bestenfalls: Unsicherheit verbreiten.

Denn wenn etwas sicher ist, dann dies, daß nichts mehr gesichert ist. "Hier verläuft eine Art Scheidelinie, an der auch die negativ definierte Ästhetik ein Fragezeichen erhält. Es ist nicht deshalb alles erlaubt", in der Lyrik, in der Prosa, in der gegenwärtigen Literatur, "weil es das, was erlaubt war, negiert..., sondern es ist schlechthin alles erlaubt." Drauflosreden, -reimen, Drauflosexperimentieren. Alles ist möglich, weil nichts mit Gründen zurückgewiesen werden kann.

Entsprechend fragt Heißenbüttel, nach der Qualität der Sprechblasen in den allseits verlästerten Comics, nach der Qualität vermeintlich anspruchloser Verse von Wilhelm Busch, nach dem subversiven Gehalt vermeintlich eindeutiger, nämlich "vaterländischer Romane", nach der Bedeutung einiger Sätze aus einem späten Hegel-Brief. Dabei scheinen neue, andere Bedeutungen auf. Und vor allem: der Leser wird verunsichert, sogar verarscht, aber auf eine Weise, die, abgründig, Vergnügen bereitet. Die Arbeitsdevise lautet: "Gegen den Strich lesen". Denn: "Eindeutigkeit ist heute belanglos geworden."