Eine Erzählung in 10 Fortsetzungen

Das Sägewerk und das benachbarte Gasthaus sind der unerklärliche Anziehungspunkt für unseren Kreisrichter. Seit mehr als dreißig Jahren begibt er sich an jedem Sonn- und Feiertag zum Sägewerk, spaziert zwischen den Baumstämmen und Brettern herum, schnüffelt und begibt sich sodann in das Gasthaus, um ein Bier zu trinken. (Weiter Seite 2)

Gerhard Roth "Das Sägewerk"

Auf der einen Seite des Flusses liegt das Sägewerk mit dem Gasthaus, auf der anderen eine Schmiede mit einem Verkaufsraum für landwirtschaftliche Maschinen und eine Wiese, auf der Kühe grasen. Von da aus macht das Sägewerk einen düsteren Eindruck. Es besteht aus mehreren Einzelgebäuden, die sämtlich gelb gestrichen sind. Der Blick fällt von hier auf die Rückseite der Anlage, die ansonsten für einen Kunden nicht einsichtig ist, Ein Feld mit hohen Sonnenblumen verdeckt im Sommer weitgehend die Sicht. Über den Blumenköpfen aber steigt ein ungeordneter Haufen von abgezogenen Blöcken, einem kleinen Berg gleich an bis zur Sägehalle. (Weiter Seite 3)

Gerhard Roth: "Das Sägewerk"

Im Krieg, wenn die Leichen der Soldaten im Wehr angeschwemmt wurden, legte man sie zuerst in Brettersärge, die dort, wo jetzt das Sonnenblumenfeld steht, gestapelt wurden und an jedem Freitag in Anwesenheit des Pfarrers zurück in den Fluß geworfen wurden. Als sich der Krieg dem Ende näherte und auch die Bretter Mangelware waren, stapelte man die Leichen einfach ohne Särge und ließ sie liegen, bis der Pfarrer vorbeikam. Zuletzt aber zog man keine Leiche mehr aus dem Wasser, sondern stieß sie nur mit dem Feuerhaken vom Wehr in das Wasser zurück. Das Wehr ist seit diesen Vorfällen ein Anziehungspunkt für Selbstmörder. Diese können sich allerdings nur bei Hochwasser im Fluß ertränken, da er ansonsten zu niedrig ist. (Weiter Seite 4)

Gerhard Roth "Das Sägewerk"