Nächst Maus und Katze ist der Elefant wohl so mit das am meisten fürs Kinderbuch bemühte Säugetier. Die Gründe für diese Zwangsadaption dürften auf der Hand liegen. Volumen, Rüsselnase, Runzelhaut, Baumstammbeine, Schwerfälligkeit, Borstenschwanz, Rhabarberblatt-Ohren: Wer diese Verkleidung der Weisheit nicht zu durchschauen versteht, und das scheint (Kipling vielleicht ausgenommen) noch keinem Kinderbuchmacher gelungen zu sein, der gibt sich mit der vordergründigen (Tragi-)Komik dieses urweltlichen Riesensäugers zufrieden. Er braucht ihn ja jetzt nur aus dem Zoo, wo der Elefant, am Hinterbein festgekettet, in seiner kahlen Käfigzelle den Wert der Freiheit bedenkt, oder aus dem Zirkus, wo er, noch den Eisenhaken des Dompteurs im Gedächtnis, sich auf die Hinterbeine stellen und mit dem Greiffinger am Rüssel den Schwanz des Vordermannes festhalten darf, ins um so vieles liberalere Kinderbuch zu überführen, in den er nun natürlich am lustigsten wirkt, wenn der Genieblitz des Illustrators das philosophischste Tier dieser Erde mit einem feschen Tirolerhut und einem kessen Dirndlkleid schmückt.

Zu bedenken wäre hier allerdings vielleicht noch, daß der Elefant – nun doch im Gegensatz zu Katze und Maus – das Kinderbilderbuch ja noch nicht sonderlich lange bevölkert. Er tritt hier, um präziser zu sein, erst mit der Kolonisierung Afrikas auf. Am eindeutigsten läßt sich das an Hand so einschlägiger Sammlungen wie den Münchner Bilderbogen, den Oberländer-Alben und den Fliegenden Blättern nachweisen. Dort ist der einfältige, sprich: europäisierte Kinderbuch-Elefant noch in oft untrennbarer Symbiose mit dem eben kolonisierten – dicklippigen, kraushaarigen, wulstnäsigen – Neger zu sehen, der die Seenungen der Zivilisation immerhin schon durch die einsichtige Annahme so humaner Utensilien wie Lackschuh, Manschette und Chaplin-Melone begreift. Der Weg dieser Neger-Witzblattfigur zum nazistischen Stürmer-Schaukasten mit seinen Hetz- und Schmäh-Karikaturen ist evident. Da haben sich nur der Sarotti-Mohr und der Negerkuß noch ein wohlfeiles Weiterleben bewahrt.

Der Kinderbuch-Elefant dagegen, der Negerbegleitung solcherart verlustig gegangen, hat seither um die Politik einen wohlberechneten Bogen geschlagen. Seine Bilderbuchdompteure setzen ihn seither in einer Arglosigkeit ein, die es nun doch – auch wenn kein Welttierschutztag oder ähnliches droht – angemessen erscheinen läßt, auf eben diesen kolonisiert-vermenschlichten Kinderelefanten als einprägsamstes Sinnbild für Diskriminierung und Unterdrückung zu verweisen. Wem das zu stark ist, der wende sich dem afrikanischen Märchen zu. Hier hat der Elefant die mystisch-legendäre Heimstatt gefunden, die ihm gebührt.

Womit wir uns ungebrochen wieder der europäischen Elefantenversklavung im Kinderbuch zuwenden sollten. Gar keine Frage, daß einer ihrer Hauptschrittmacher, nämlich Jean de Brunhoffs Schöpfung Babar, den der Sohn des Graphikers inzwischen nahtlos in immer flachere Gefilde geführt hat, sich längst ein Eigenleben erwarb. Denn so viele Elefanten, wie sie ein einziges der von de Brunhoff, Vater & Sohn, gezeichneten und getexteten Bücher bevölkern, gibt es in keinem Reservat Afrikas mehr.

Da ist die graphische Versimplifizierung zum punktäugigen Ratzefummel, der unverdrossen betulich so ziemlich sämtliche Menschengeschifte vom Radfahren bis zum Regieren betreibt und rüsselschlenkernd und stumpffüßig sich in die hierfür obligatorischen Matrosenblusen, Sportsackos und blumengemusterten Taftkleider zwängt, schon zu verstehen. Diese ansonsten grauen Knollenprodukte sollen (und können) ja schon längst keine eigenständigen Elefanten mehr sein. Vielmehr ist hier eine überdosierte Mischung aus afrikanisierten Schlümpfen und auf Streicheleinheiten bedachte Gummitier-Einfalt am Werk. Was ja dem Welterfolg der Babar-Serie nicht im Wege zu stehen braucht, ihn im Gegenteil glättet und prolongiert. Denn Kindern ist graphische Pummeligkeit ja durchaus genehm, und ihren Eltern noch um so vieles mehr, wie sich die Grundstory, soweit eine solche vorhanden, in sorgsam abgesteckten Harmlosigkeitsgrenzen bewegt.

So geht es im bereits achten der vom Diogenes Verlag betreuten deutschsprachigen Babar-Bände darum, dem König Babar ein überlebensgroßes Denkmal in den Felsen zu fräsen; was der Preßlufthammer Bildhauer Podulars auch unverzüglich besorgt –

Laurent de Brunhoff: "Babars Geburtstag"; Diogenes Verlag, Zürich; 30 S., 9,80 DM.