V. S. Naipaul, der große Westinder der englischen Literatur

Von Sibylle Cramer

Während er in England als bedeutendster Vertreter dessen gilt, was – ein umstritte ner Begriff – "Commonwealth-Literatur" genannt wird, während er dort längst in literarhistorische Zusammenhänge eingeordnet, mit Literaturpreisen überhäuft und seit Jahren als Nobelpreiskandidat genannt wird, ist er bei uns nahezu unbekannt. Die um fast dreißig Jahre verzögerte Ankunft seines Werkes hierzulande trifft als literarhistorische Verspätung zusammen mit einer Produktion, die als ästhetische Arbeit allenfalls zu den Errungenschaften der historischen Moderne vordringt: am psychologischen Realismus der großen, vor allem englischen Erzähler des 19. Jahrhunderts geschult, anspielungsreich, formalen Experimenten abhold, gesättigt mit schwerfälliger symbolischer Fracht, ein Realismus der alten Schule, der freilich sowenig wie seine literarischen Väter an die Möglichkeit der Sprache glaubt, Wirklichkeit zu reproduzieren, an die Idee des unschuldigen Sehens, die auch die Viktorianer reflektierend überschritten.

Die Rede ist von Vidiadhar Surajprasad Naipaul, 1932 in Chaguanas auf Trinidad geboren, Enkel eines Hindu, der als Kontraktarbeiter von Uttar Pradesh auf die Zuckerrohr-Plantagen Trinidads kam, Sohn eines Journalisten des Trinidad Guardian. Mit achtzehn ging Naipaul nach England, studierte in Oxford, heiratete eine Engländerin und arbeitete als Journalist, bis sich, sehr schnell, der literarische Erfolg einstellte. Heute lebt er auf einem Cottage in Wiltshire.

Eine literarische Kalamität

Heute ist Naipaul der große Westinder der englischen Literatur. Der kolonialistische Zugriff, der in einer solchen literarischen Lokalisierung zu stecken scheint, beschreibt die widersprüchliche Position Naipauls, der maßgeblich beteiligt ist an der literarhistorischen Emanzipation der "Commonwealth-Literatur" von der englischen "Mutterliteratur" und gleichzeitig einer der schärfsten Kritiker der Dritten Welt ist. Vom "rhetorischen Lärm" um die Ausbeutung der Dritten Welt will er nichts wissen. In den Augen seiner patriotischen westindischen Schriftstellerkollegen ist er eine literarische Kalamität, ein Nationaldichter, mit dem kein Staat zu machen ist.

"Among the Believers – An Islamic Journey", sein jetzt auch auf Deutsch erschienener Reisebericht, ist die zornige Abrechnung eines Agnostikers mit dem jungen islamischen Fundamentalismus. Den revolutionären Islam beschreibt er als polterndes Revolutionstheater, in dem die Authentizität einer geborgten Kultur gefeiert werde, und macht sich damit bei seinen Kritikern verdächtig, sein Bild der Dritten Welt beruhe auf einer traumatisierten Wahrnehmungsweise. Naipaul als Beispiel für die Pathologie des kolonialen Intellektuellen.