Die neue Regierung hat ihre erste und wichtigste Schulaufgabe gemacht der revidierte Haushalt für 1983 befindet sich auf dem parlamentarischen Weg. Und abgedeckt ist zunächst auch eine bisher offene Flanke: Hans-Dietrich Genscher hat sich, wenngleich knapp, auf seinem Parteitag durchgesetzt. Was also ist nun mit Neuwahlen?

Das weiß in Bonn noch kein Mensch. Freilich, wenn die ausgedehnte Diskussion einen vorläufigen Schluß zuläßt, dann diesen: Nachdem alle erst einmal das Hemd aufgerissen und ihre demokratische Brust gezeigt hatten, geben sie sich jetzt sehr viel zugeknöpfter.

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Jedenfalls mehren sich Überlegungen, daß der Stimmgang eigentlich in niemandes Interesse läge, mit Ausnahme von Franz Josef Strauß, der mittels einer absoluten Unionsmehrheit wieder zu entscheidenden Bonner Würden kommen würde. Die FDP: Solange sie zerstritten ist, kann sie die Fünf-Prozent-Hürde kaum von oben betrachten. Helmut Kohl: Den liberalen Partner gegen Strauß einzutauschen, lockt ihn ganz und gar nicht. Die SPD: Den Wechsel in die Opposition bestätigt zu erhalten – das ist keine beflügelnde Aussicht. Schließlich: Wenn die Grünen einziehen, wie schwierig werden die Verhältnisse dann?

Aber Kohl und alle anderen sind im Wort. Kühle Analytiker können sich deshalb schon ein ziemlich groteskes Szenario vorstellen: ausgerechnet nach der Verabschiedung des revidierten Etats 1983 oder in Zusammenhang mit diesem Etat, den die neue Koalition doch als Gesellenstück vorweisen möchte, stellt der Kanzler die Vertrauensfrage und verliert sie gemäß der Absprache. Bundespräsident Carstens aber, ein Purist, kann sich nicht dazu durchringen, das Parlament, in dem es doch eine Regierungsmehrheit gibt, aufzulösen – zur offenen oder zur heimlichen Erleichterung fast aller Parteien.

Wäre das der Ausweg aus dem Labyrinth, das sich die Politiker, gleichermaßen hochherzige wie unbedachte, selber gebaut haben? Oder kommt es doch zu Neuwahlen, auf Biegen und Brechen? Das wird Bonn in den nächsten Wochen vor allem in Atem halten.

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