Helga Prollius: "Ich stell’ mich in die Mitte"

Woher kommt das: unzählige minuziöse Beobachtungen, so als habe die Autorin alles erst gestern erlebt? Außer umfangreichen Tagebüchern und Notizen ein erstaunliches Gedächtnis? Oder geht da Dichtung und Wahrheit durcheinander? Sicherlich. Das ist wohl unvermeidlich und legitim. Aber man braucht nicht auch das erste Erinnerungsbuch, "Flucht aus Prag 1945", gelesen zu haben, um die Überzeugung zu gewinnen: Die Wahrheit erhält den Zuschlag.

Das Kleinkind auf dem Deckel des Buches von

Helga Prollius: "Ich stell’ mich in die Mitte...", Herderbücherei, Freiburg, 1982; 144 S., 6,90 DM

in weißem Mäntelchen und Mützchen photographiert, sich auf die Lehne einer Bank stützend, scheint schon ein wenig von der auffälligen Begabung der künftigen Autorin ahnen zu lassen: der Beobachtungsgabe. Helga Prollius schildert ihre Jugendjahre in der Obhut ihrer bürgerlichen Familie in einer deutschen Stadt (Herford ist wohl gemeint, aber nicht genannt), beginnend ungefähr mit dem Ersten Weltkrieg. Schnell gewinnen ihre Geschwister Profil, mehr noch ihre Eltern. Dem Vater, der aus wertvollen Tabakblättern kunstvoll köstliche Zigarren (für den Handel) dreht, gilt die unbeirrbare Liebe der Tochter.

Die Mutter wird dagegen eher zögernd respektiert. Immer wieder hemmt sie den individuellen Lebensrhythmus des in die Pubertät hineinwachsenden, natürlich zu zänkischer Aufsässigkeit neigenden jungen Menschen. Aber gerade mit der Mutter wird zugleich eine ganze Epoche, die auslaufende wilhelminische und nachwilhelminische, charakterisiert. Was hätten unsere jungen Empörer von 1968 da zu zetern und zu schreien gehabt, wären sie auf die Generation von Helga Prollius’ Mutter unmittelbar gestoßen.

Zeitgeschichtliche Fakten kommen eher in Andeutungen als in expressiver Form vor, etwa das Eiserne Kreuz im Rathaus und die Kriegsanleihe, die schmerzliche Abwesenheit des Vaters an der Front, der Wirrwarr der Inflation der zwanziger Jahre. Aber mit Beredsamkeit schildert die Autorin das geistige Klima der Zeit, das vielfach muffig-diffizile, oft charakterlose Verhalten des Bürgertums, auch den beginnenden Antisemitismus, unter welchem der "Onkel" Manfred psychisch schon sehr zu leiden hatte.