Der Kanzler in Washington: Partner, nicht Vasall

Von Dieter Buhl

Der Antrittsbesuch eines Bundeskanzlers in Washington hat immer noch besonderen politischen Rang. Mögen sich auch die wirtschaftlichen Gewichte zwischen beiden Ländern zu unseren Gunsten verschoben und die Töne im bilateralen Gespräch verhärtet haben, so gilt doch heute wie einst in den Gründerjahren der Bundesrepublik: Die Visite eines neuen Bonner Regierungschefs bei der Schutz- und Supermacht verleiht seiner Investitur erst den letzten Glanz.

Die Beziehungen zu Amerika bleiben der Eckstein der deutschen Außenpolitik. Deshalb ist die Reise über den Atlantik so wichtig, die Helmut Kohl am Sonntag antritt. Weil er außenpolitisch noch weithin unerprobt ist, begleiten ihn dabei zwiespältige Erwartungen. Kohls erste Kontaktaufnanmen mit den europäischen Nachbarn gaben nur wenig Auskunft über sein Talent als Außenpolitiker. Zwar bewies er dabei Elan und Charme. Ob er jedoch geschickt verhandeln und so standhaft wie kenntnisreich seine Meinung vertreten kann, kurz: ob die deutschen Interessen in der Welt und das deutsch-amerikanische Bündnis beim Kanzler Kohl gut aufgehoben sind, das wird sich bei seinem Auftritt im Weißen Haus erst erweisen müssen.

Eines läßt sich immerhin beruhigt vorhersagen: Helmut Kohl und Ronald Reagan werden persönlich harmonieren. Sie ähneln einander im freundlichen Temperament, im Hang zu Pathos und Allgemeinheiten. Da Präsident und Kanzler zudem im Glauben an eher einfache Lösungen vereint sind, wird einer Verständigung auf gleicher Wellenlänge nichts im Wege stehen.

Ein solcher Gleichklang bringt Vorteile. Fehlt er, so kann es, wie in der Ära Schmidt-Carter, zu vielen überflüssigen Verstimmungen kommen. Beide hatten einander persönlich wenig zu sagen. Deshalb entstanden Spannungen, die noch heute im deutsch-amerikanischen Verhältnis nachwirken. Auch Schmidt und Reagan einte kein emotionales Band; sie bildeten ein gar zu ungleiches Paar. Jetzt aber tritt mit Helmut Kohl ein deutscher Kanzler auf, der in Stil und Statur wohl den Washingtoner Vorstellungen von einer Führung der Mittelmacht Bundesrepublik entspricht. Gemeinsam mit Reaan könnte er in den Beziehungen zwischen beiden Ländern "ein Klima, einen Geist, eine Atmosphäre schaffen", die nach Thomas Jefferson die wichtigste Voraussetzung dafür sind, daß "die Menschen umdenken und Dinge erledigt werden können".

Der Kanzler reist noch aus einem weiteren Grunde mit dem Wind im Rücken. Die ihn tragenden Parteien werden ihm in der Außenpolitik keine Knüppel zwischen die Beine werfen, wie das Helmut Schmidt durch die SPD so oft erleben mußte. Neutralismus, Pazifismus, Äquidistanz zu den Supermächten – dies sind für die Union und die gesäuberte FDP keine Themen. Amerikanische Vorwürfe über unsichere Kantonisten im Regierungslager werden deshalb Helmut Kohl sein Geschäft in Washington nicht erschweren.