DIE ZEIT: Wann haben Sie mit der Arbeit zu dem Roman „Welch schöner Sonntag“ begonnen?

JORGE SEMPRUN: Eigentlich schon vor zehn Jahren. Zunächst entstand eine Art erste Fassung von mehreren hundert Seiten. Dann habe ich sie zur Seite gelegt und andere Dinge geschrieben, etwa den Roman „L’Algarabie“ (Kauderwelsch). Ich arbeite lange Jahre an einem Manuskript, einzige Ausnahme ist „Die große Reise“, die ich in wenigen Wochen in Madrid niederschrieb. Es ist nicht schwierig, ein Buch anzufangen, wohl aber, es zum Abschluß zu bringen.

Den Grund, diesen Roman zu schreiben, habe ich – glaube ich – im Buch deutlich erklärt. Als „Die große Reise“ gedruckt wurde, las ich Solschenizyns „Ein Tag des Ivan Denissowitsch“, und mir wurde klar, daß ich mein Buch noch einmal schreiben, daß ich meine Erfahrungen im Konzentrationslager noch einmal erleben mußte.

DIE ZEIT: Warum diese manische Beschäftigung mit der Vergangenheit? Hängt sie damit zusammen, daß Sie – trotz Holocaust – davon überzeugt sind, daß „das Wissen nicht gefestigt ist, es weit davon entfernt ist, genügend verbreitet zu sein, es eher die Tendenz zu verschwimmen hat, zum Gemeinplatz zu werden“?

JORGE SEMPRUN: Ja, man kann nicht oft genug davon berichten. Und Buchenwald war eine Erfahrung, die alles enthält, was meiner Meinung nach – völlig subjektiv – essentiell im Leben ist. Das, was Michel Leiris in seinem großartigen Buch „Mannesalter“ den Augenblick nennt, in dem man erwachsen wird. Für mich kam dieser Augenblick in Buchenwald, ich war zwanzig.

Zugleich war das Exil – nicht nur das Exil von Spanien, sondern das Exil schlechthin, in seiner schlimmsten Form, eine Art Exil von der Welt, von allen Sprachen, denn im Lager redete man eigentlich keine normale Sprache mehr, auch kein Deutsch, sondern eine kuriose, nahezu Orwellsche Mischung – dieses Exil war eine fundamentale Erfahrung.

Zugleich scheint mir auch, daß die Konzentrationslager die große Erfahrung unseres Jahrhunderts sind. Es könnte als Jahrhundert der KZs, der Gulags, der Arbeits- und Gefangenenlager überall auf der Welt apostrophiert werden. Ich weiß nicht, ob ich dazu fähig bin, aber eigentlich möchte ich noch ein Buch über diese fundamentale Bedingtheit unserer Zeit schreiben.

DIE ZEIT: Bilden die Bücher „Die große Reise“, „Die Ohnmacht“ (der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist) und „Welch schöner Sonntag“ eine Trilogie?

JORGE SEMPRUN: Ja, vielleicht. Aber ich würde einen Unterschied machen: „Die große Reise“ und „Die Ohnmacht“ sind autobiographische Romane, in denen der Protagonist einen fiktiven Namen trägt, Gérard und Manuel Mora.

DIE ZEIT: Aber jeder erkennt Sie sogleich.

JORGE SEMPRUN: Einverstanden. Gerard stellt eine Verbindung zum „Sonntag“ her. Aber für mich steht dieser Roman zwischen der „Autobiographie von Federico Sanchez“ und der „Großen Reise“.

Es gibt noch zwei Bücher, die ich zwar noch nicht geschrieben, aber schon im Kopf habe. Eins behandelt die Zeit der Résistance. Es beginnt mit einem Fest 1943, wir hören Jazzmusik. Ich erinnere mich ganz genau an die Einzelheiten dieses Abends, die Anwesenden, die Gespräche, den Rhythmus. Am nächsten Tag kehrte ich ins Maquis zurück. Das Buch soll heißen: „La forêt d’Othe“. (Der Wald von Othe).

Dann fehlt noch das Buch über die frühen 50er Jahre des Exils. Ausgangspunkt ist der Moment, in dem die Kommunistische Partei Spaniens in Frankreich für illegal erklärt wird (1950). Ich lebte damals in Montmartre. Das Buch hat bislang einen deutschen Titel: „Die schlaflose Nacht des Exils“, wie Marx in einem Brief an Engels schrieb.

Zu diesem autobiographischen Zyklus gehört dann auch noch „Welch schöner Sonntag“. Aber am Rande. Und danach: Schluß!

DIE ZEIT: Folgen dann wieder fiktive Romane, wie „Der zweite Tod des Ramón Mercader“ oder jetzt „L’Algarabie“?

JORGE SEMPRUN: Ja, aber die Trennung ist nie scharf. „L’Algarabie“ ist ein völlig fiktiver Roman, und doch kann ich nicht verhindern, daß irgendwelche persönlichen Geschichten einfließen. Aber er bezieht sich niemals auf Dinge, die mir offenkundig widerfahren sind. Der Protagonist erlebt vieles, was ich nie oder nie auf diese Art erlebt habe. Dennoch steht er mir vielleicht näher als meine autobiographischen Gestalten. Die Maske der Fiktion erlaubt mir, Dinge über mich zu sagen, die der autobiographische Held nie äußern könnte. „L’Algarabie“ erzählt von den Spaniern, die in Paris leben und mit zwei Sprachen jonglieren. Ergebnis ist ein eigenwilliger, unverwechselbarer Jargon. Es hat lange gedauert, bis ich die Sprache fand, in der dieses Buch geschrieben werden mußte. Ich entschied mich dann für das Französische.

DIE ZEIT: Leitmotiv Ihrer Werke ist das Gedächtnis. Ist dies eine kontinuierliche Präokkupation? Oder eine persönliche Erfahrung? Sie behaupten auch: „Es gibt kein unschuldiges Gedächtnis mehr.“

JORGE SEMPRUN: Ja, das stimmt. Für mich gibt es kein unschuldiges Gedächtnis mehr. Und diese Manie, mich an alles zu erinnern, nichts zu vergessen, rührt zunächst von einer starken persönlichen Erfahrung, ist dann aber auch ein Entschluß, fast eine persönliche Strategie. Nicht nur literarisch, sondern politisch oder moralisch. Die Erinnerung ist deshalb eine so starke Erfahrung, weil das Exil im Alter von dreizehn dazu zwingt, die Kindheit, diese entscheidende Etappe aller Menschen, zu bewahren. Dieses Stück Kindheit gewinnt nahezu mythologische Züge. Denn nicht nur sie allein, sondern die Vergangenheit insgesamt wurde brutal abgeschnitten. Ein in meinem Fall noch radikalerer Schnitt, weil das Exil durch den Bürgerkrieg verursacht wurde.

Die Identität, die man zu bewahren versucht, gründet auf der Erinnerung. Sie ist bei mir dann durch die politische Erfahrung verstärkt worden. Allmählich wuchs in mir die Gewißheit, daß ein Charakteristikum des stalinistischen Kommunismus eben dieses Fehlen von Erinnerung ist – was Orwell in „1984“ so hervorragend behandelt hat und was wir im Alltag auf Schritt und Tritt erleben. Das politische Instrument, das die Welt zu verändern vorgibt, steht immer pragmatisch in der Gegenwart. Heute erleben wir das gleiche in Frankreich. Wo bleibt die Erinnerung an all das, was in der KPF immer über Mitterrand gesagt wurde?

Wir leben in dieser pragmatischen Gegenwart. Die Reflexion über die russische Realität, in der die Vergangenheit rekonstruiert und das Gedächtnis annulliert wird, finden wir schon bei Orwell, aber auch bei Milan Kundera, wenn er sagt, daß der Kampf gegen das Vergessen auch der Kampf gegen die Macht ist.

Wenn man will, ist diese doppelte Erfahrung, das persönliche Erlebnis und der Kampf gegen dieses Fehlen von Erinnerung, das so typisch ist für eine ganze Epoche politischer Tätigkeit, ausschlaggebend für meine fortdauernde Beschäftigung mit diesem Thema.

DIE ZEIT: Sie haben zuvor das Wort „moralisch“ benutzt. Ist dies ein Überbleibsel Ihrer philosophischen Ausbildung, da es im aktuellen Sprachgebrauch ja eigentlich nicht mehr vorkommt? Sie haben ja mit dem Studium des deutschen Idealismus begonnen.

JORGE SEMPRUN: Ja. Mein politisch-intellektueller Weg hat eine doppelte Wurzel. Zum einen den Bürgerkrieg, der mir aufgezwungen wurde. Der andere ist ein intellektueller, philosophischer Weg, eigentlich der klassisch-humanistische Werdegang. Anzufangen mit dem Studium der deutschen Philosophen, besonders Hegel, und dann zu einem gewissen Marxismus vorzustoßen, ist ein Phänomen, das in meiner Generation sehr verbreitet war, besonders in der Résistance.

Wenn man aber – nach reiflicher Überlegung, wie es scheint – den Sprung in die Politik gemacht hat, denn er ist ja logisch, ist nur die Konkretisierung dieser Philosophie, so geschieht in diesem Augenblick etwas Entgegengesetztes, das ich „Neostalinisierung“ nennen möchte: der Wunsch, in einer Gemeinschaft zu leben, in der „Familie“; der Wunsch, die soziale Herkunft möge einem vergeben werden – ich benutze bewußt das christliche Vokabular. So werden nach und nach, ohne daß man es gleich merkt, die Motive für den Beitritt, für die Politisierung zerstört. Es bleibt die totale Vereinfachung, der Vulgärmarxismus, der alles auf pseudodialektische Schemata zurückführt: positiv-negativ, schwarz-weiß, gut-böse.

Ich glaube, daß dieser Werdegang von der Philosophie zur politischen Praxis und von dort zur Zerstörung der Philosophie als kritisches Instrument ein verbreitetes Phänomen bei den Intellektuellen der 40- und 50er Jahre ist. Natürlich hat jeder Mensch darüber hinaus seine eigene Biographie und Reflexionen. Denn so wie die Praxis einer Partei dazu führt, daß sich ein humanistischkritisches Denken stalinisiert, so hat mich die politische Erfahrung in Spanien andererseits auch wieder zu diesem Denken zurückgeführt. Es war nicht nur eine rein intellektuelle Überlegung, sondern der Schock mit der spanischen Wirklichkeit.

DIE ZEIT: In Ihrem Roman steht der Satz: „Ich habe bereits trotz seiner ekelhaften Anstößigkeit jenes Gefühl erwähnt, das mich im Laufe der Jahre mitunter befällt. Die ruhige und völlig verzweifelte Gewißheit, nur ein Traumgespinst eines jungen Toten von einst zu sein.“ Gut dieser Satz für immer?

JORGE SEMPRUN: Ja, er wird sogar stärker. Das ist verständlich, weil ich ja älter werde und die Reflexion über den Tod näherrückt.

Die beste Überlegung zu diesem Punkt habe ich später in der „Negativen Dialektik“ Adornos gefunden und in den Roman „L’Algarabie“ aufgenommen: ob man nach Auschwitz noch philosophieren kann. Erstaunlich ist, daß Adorno, der nicht deportiert worden ist, dies schrieb: „Es mag falsch gewesen sein, zu sagen, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen ... Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebe.“

DIE ZEIT: Haben Sie nach Francos Tod nie daran gedacht, nach Spanien zurückzukehren?

JORGE SEMPRUN: Oh ja, ich habe mir die Frage ganz dringlich gestellt. Aber ich wollte nicht zurück, um wieder Politik zu betreiben. Und nach mehreren kleineren Versuchen habe ich gemerkt, daß ich inzwischen staatenlos bin, daß ich zwischen zwei Kulturen und Sprachen stehe. Auch in Spanien bin ich ein Fremder. Zahllose Dinge irritieren mich: die Oberflächlichkeit der Politiker, das Kulturleben, der Provinzialismus, die Enge. Aber bevor Franco nicht tot war, lebte ich natürlich mit dem Gedanken, zurückzukehren, normal in meinem Land zu leben. Dann habe ich erkannt, um einen hochtrabenden Ausdruck zu verwenden, metaphysisch erkannt, daß mein Exil definitiv ist: ein inneres Exil. Und das muß ich akzeptieren und leben. Ich werde stets eine französische und eine spanische. Seite haben: die Sprache meiner Kindheit ist Spanisch, danach folgte Französisch. Und zu all den deliranten Projekten, die mir im Kopf herumschwirren, zählt auch ein Buch über die Kindheit, das dann Spanisch geschrieben wird – wie auch die Autobiographie“ auf Spanisch geschrieben werden mußte, da ich sie in dieser Sprache gelebt habe.

DIE ZEIT: Waren Sie wieder einmal in Deutschland, abgesehen von den politischen Reisen nach Ostberlin

JORGE SEMPRUN: Nein, nie wieder.

DIE ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, heute einmal die Bundesrepublik zu besuchen?

JORGE SEMPRUN: Ja, vielleicht. Warum nicht. Ich lese fast so viele deutsche wie französische Bücher, Philosophie und Politikwissenschaft. Wenig Romane, eher lese ich Gedichte, Hölderlin zum Beispiel. Aber wahrscheinlich ende ich selber auch damit, philosophische Essays zu schreiben.

Mit Jorge Semprún sprach Michi Strausfeld