Jeden Dienstagnachmittag zittert die politische Klasse Frankreichs: Dann kommen – taufrisch – die ersten Exemplare des Canard enchaine aus der Druckerei. Am Mittwoch liegt die Wochenzeitung, die von Skandalen und Satiren lebt, im ganzen Land auf. Seit bald siebzig Jahren existiert dieser respektlose Canard, doch erst in den letzten zwei Jahrzehnten hat er jene Macht erreicht, welche die Fünfte Republik zu erschüttern vermag, aber zumeist folgenlos bleibt. Die Diamanten-Story, über die Giscard strauchelte, war sein bisher größter Coup – von Mitterrand konnte er erst die Gasrechnung beibringen.

Im August des Jahres 1979 antwortete der französische Botschafter in Haiti einem Reporter von "Radio Metropole", der ihn auf einen Skandal im Mutterland angesprochen hatte: "Es gehört zu den Traditionen der Fünften Republik, sich nie zu einer Antwort an den Canard enchaîné herabzulassen." "Wie kann man sich noch erniedrigen, wenn man bereits am Boden ist", frotzelte darauf die Zeitung mit ihrem nicht weniger traditionsreichen Wortwitz. Doch seine Exzellenz hatte einen möglicherweise folgenschweren Fehler begangen: Das Dementi, das keines war, kam fast schon einem offiziellen Eingeständnis, zumindest einer offiziösen Anerkennung, gleich – denn bislang hatte man den Canard systematisch totgeschwiegen. Daß man fortan mit zunehmender Häufigkeit gezwungen war, auf Enthüllungen des Canard – nein, nicht zu antworten, aber doch irgendwie einzugehen, hat allerdings vorwiegend mit dem Kaliber der Skandalgeschichten zu tun. Die Meldung vom Tod des Kardinals in den Armen einer Nutte wurde publiziert, weil der Würdenträger sich in der Öffentlichkeit als besonders eifriger Moralapostel profiliert hatte. Brisanter war schon die Nachricht, daß der damalige Parlamentspräsident Jacques Chaban-Delmas jahrelang keine Einkommensteuer bezahlt hatte.

Wirtschaftsminister René Monory, der die staatlich kontrollierten Erdölpreise festlegen konnte, nutzte sein Wissen zu persönlichen Termingeschäften (er war privatberuflich En-gros-Händler in eben dieser Branche). Aus Giscards Steuererklärung, die dem Blatt ebenfalls zugespielt worden war, ging hervor, daß der amtierende Staatspräsident an der Börse spekulierte – wohl mit weniger Fortune als seine Frau, die gezielt politische Insider-Informationen aus dem Elysée zur privaten Vermögensmehrung nutzte. Der Höhepunkt war mit der Enthüllung erreicht, daß der zentralafrikanische Kaiser und Kinderkiller Bokassa seinem "lieben Verwandten" Giscard Diamanten zukommen ließ.

Schwachstellen der Gesellschaft

Bei der Zeitung wehrt man sich energisch gegen den Vorwurf der systematisch betriebenen Indiskretionen sowie der Verletzung der Persönlichkeitsrechte: "Wenn wir auf das Privatleben öffentlicher Personen eingehen, geschieht das nie grundlos. Die Hinweise, daß Giscard am Anfang seiner Amtszeit häufig in die Stadt ging, das Elysée oftmals, seine Spur verlor, daß er frühmorgens einen Milchwagen rammte – das sind Informationen angesichts der Tatsache, daß dieser Mann als einziger auf den atomaren Auslöser drücken konnte." Deshalb berichtete der Canard – als einziges Organ – auch über die tödliche Krankheit seines Amtsvorgängers Pompidou, der sich seinem Volk nicht mehr zeigte und in dessen Umgebung längst die Diadochenkämpfe wüteten.

Gegründet wurde das satirische Wochen- und Enthüllungsblatt von dem Journalisten Maurice Marechal im Ersten Weltkrieg. Der Name ist eine Anspielung auf Clemenceaus Buch "L’homme enchaîné" (Der gefesselte Mensch), wobei "canard" im Französischen nicht nur "Ente" bedeutet, sondern auch der etwas respektlose Begriff für "Zeitung" ist. Unsere Auslegung der "Zeitungs-Ente" ist in diesem Wörtspiel allerdings nicht enthalten. Der Titel resümiert das satirische, respektlose und polemische publizistische Programm: Gegen die Kirche, die Kriegshetzerei und die Zensur ging es damals. Heute sind Dummheit, Eitelkeit und Bevormundung die permanenten Schwachstellen einer Gesellschaft, die die Ente unerbittlich attackiert. Die ersten Mitarbeiter begründeten den literarischen Ruf der Zeitung – Jean Cocteau und Tristan Bernard gehörten zu ihnen, später auch Mac Orlan und Roland Dorgelès sowie der rechtskonservative Paul Guth. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges sagte der Dichter Anatole France: "Ich lese nur den Canard." Das ist wahrscheinlich ebenso gelogen wie Georges Marchais’ Behauptung, er lese ihn "nie". Der rechtsextreme Polemiker Pierre-Antoine Cousteau hat die Funktion des Canard schon früh erkannt – und seine Bedeutung dennoch überschätzt: "Für die Rechte ist der Canard ein Witzblatt ohne Folgen. In Wahrheit ist er die französische Zeitung mit dem dauerhaftesten Einfluß ... Er hat Reputationen begründet und zerstört. Denn sein Konzept ist bemerkenswert genau dem französischen Temperament angepaßt, kommt einem Bedürfnis entgegen, entspricht dem französischen Esprit, einem Seelenzustand."

An dieser Charakterisierung stimmt vor allem der zweite Teil. "Gemacht" nämlich hat der Canard keine einzige Reputation (außer der eigenen). Bis in die fünfziger Jahre hinein mußten die aufgespießten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zwar arg Federn lassen – aber darüber hinaus?