Alle bösen Wünsche, Zweifel, Kräche – schon vergessen. Das Berliner Jazz-Fest, unter seinesgleichen Ereignissen das herzhafteste und pointenreichste, ist so lebendig und so selbstbewußt wie je. Und der Kassierer reibt sich sogar die Hände: Die Philharmonie, mit ihrer Konzert-Manege ein einzigartiger Platz für die Zirkuspferde des Jazz, war die letzten vier Tage der vorigen Woche ausverkauft.

Es gab kein alles bestimmendes Thema, die Veranstalter hatten auch vermeiden wollen, "irgendwelche Tendenzen herbeizureden"; aber natürlich hatte das Fest eine, wenn auch labile Ordnung, die den künstlerischen Leiter George Gruntz an einen "Gedanken-Güterbahnhof" mit "musikalischen Fahrten von vielen Punkten zu vielen anderen Punkten" denken ließ: Beziehungen hin und her.

Am Ende war die Schienen-Metapher vom Beifallklatschen, -pfeifen und -heulen für etwas ganz anderes, viel einfacheres übertönt worden: für die individuelle musikalische Leistung, gleich welcher Stil- und Spielart und welcher Zeit. Wen wunderte es da noch, daß die älteste Künstlerin sogar von den jüngsten Zuhörern und ganz besonders solchen mit stehenden Haaren bejubelt wurde: Alberta Hunter.

Da war es auch gänzlich uninteressant, ob die beinahe vergessene Bluessängerin, schon 87 oder erst 85 Jahre alt ist: eine temperamentvolle Dame im Nachmittags-Seidenkleid, das graumelierte Haar in einem Dutt auf dem Kopf geknotet, an den Ohren goldene Wagenräder. Sie wirft die Arme, stemmt die Fäuste in die Seiten, gestikuliert, sie hat das Publikum (und Hatte sofort auch den Raum rundum) fest im Auge und singt mit kräftigem, klarem Alt, keinen Konsonanten verschluckend und keine Partie verwischend, Jazzlieder, Blues vor allem. Man spürt ihren kessen Humor, amüsiert sich über die Ironie in ihren lügnerischen Huldigungen an das Publikum, man bewundert die Dramaturgie ihres Gesangs, der die Höhepunkte mit äußerster Präzision erklimmt. Und ihre stockseriösen Begleiter am Klavier und am Kontrabaß drohen auf einmal, sich zu vergessen, ohne freilich wirklich jemals die Kontenance zu verlieren.

Nein, das hatte mit Vergangenheitssehnsucht so gut wie nichts zu tun. Der Jubel richtete sich auf nichts anderes als einen hervorragenden musikalischen Auftritt – wie tags zuvor auf den von sieben gesetzten, zu kleinen Ausschweifungen aufgelegten, meist schwarzen Herren, die sich unter dem Namen "Tenor Saxes" vereinigt hatten: vier Tenorsaxophonisten (Cobb, Tate, Jacquet, Davis) und ihre Rhythmus-Partner an Klavier, Kontrabaß und Schlagzeug. Sie spielten mit einer Lust sondergleichen: Sie haben das tausendmal gemacht, aber allein die funkelnden Augen des Trommlers verrieten die immerwährende Neugier, mit der sie gegenseitig ihre sanften, bärbeißigen, die singenden und die brüllenden Improvisationen verfolgen.

Frau Hunter und die Herren der "Tenor Saxes" gehörten in die Rubrik "Mainstream". Die anderen Anstrengungen galten (anknüpfend an das "Horizonte"-Festival letzten Sommer in Berlin) dem lateinamerikanischen Jazz und seinem emanzipierten Verwandten, dem Latin Jazz, ferner "Aktualitäten", unter denen der Musikmaschinen-Jazz monströse Kunstblüten treibt, sowie einer mit "Miszellen" überschriebenen Sparte, in der Jazz auf (noch) ungewohnten Instrumenten vollführt wird.

Eine Band war sogar danach benannt, es war Howard Johnsons "Book of Miscellanies", an welchem mitschrieben: die Tuba mit verblüffend weichen, aber auch bellenden und kreischenden Tönen, die knarrende, die Luft zum Zittern bringende Kontrabaßklarinette, ferner das Waldhorn, die Flöte, Oboe und Englischhorn. Wohl vom Verlangen nach Seriosität bedrängt, machte die Band einen angestrengt komponierten Jazz. Erst im letzten Stück gingen sie aus sich heraus und stürzten sich in ein akrobatisches Stegreifspiel.