Aufstieg zum Adam’s Peak, Ceylons heiligem Berg: Stufe für Stufe bis zum 2224 Meter hohen Gipfel

Von Thomas Hower

Unsere 82 Jahre alte Vermieterin in Kandy hatte die Tour 53mal gemacht und war dennoch so alt geworden. Ihr faltiges Gesicht verzog sich zu einem friedvollen Lächeln, und ihre alten Augen glänzten vor Wonne, als sie von unserem Plan erfuhr: Wir wollten den 2224 Meter hohen Adam’s Peak, die vierthöchste Erhebung Ceylons, in Begleitung buddhistischer Pilger erklimmen. Zu diesem neiligen Projekt konnte und wollte sie uns ihre Unterstützung nicht versagen. Sie ließ es sich nicht nehmen, uns eigenhändig Tee mit Zitrone aufzugießen, da sie gehört hatte, daß ceylonesische Ganoven dem dollarbestückten Touristen unter Vortäuschung von Gastfreundschaft barbituratgeschwängerte Getränke anböten, um sich anschließend ihrer Barschaft zu bemächtigen. In der Tat scheint der Aufstieg zum Adam’s Peak außerhalb der Pilgersaison nicht ganz ungefährlich zu sein, gilt es doch streckenweise Dschungelgebiete zu durchqueren, und vor kurzem erst soll ein deutscher Professor die unliebsame Bekanntschaft mit einer Gruppe junger Herren gemacht haben, die sich nicht nur als Beutel-, sondern auch als Halsabschneider betätigten.

Mit vielen guten Ratschlägen und der Feldflasche heißen Zitronentees gerüstet hatten wir in Kandy den klapprigen Bus des staatlichen „Ceylon Transport Board“ bestiegen. Als unser Bus an der Endhaltestelle wieder zum Stillstand kam, atmeten wir erleichtert auf. Hinter uns lagen rund 80 Kilometer Fahrtstrecke, bei der uns Hören und Sehen vergangen war. Makaber grüßte ein Schild des staatlichen ceylonesischen Transportunternehmens in der untergehenden Abendsonne: „Welcome good drivers!“ Schlechte Fahrer bedürfen kaum noch eines herzlichen Willkommensgrußes, sie liegen schon längst mit zerschmetterten Gliedern in einer der zahlreichen Schluchten, bei überhöhter Geschwindigkeit aus der Kurve getragen oder beim unvorsichtigen Überholmanöver am Felsen zerschellt. Das kulturelle Erbe der ehemaligen britischen Kolonialherren hat in Sri Lanka also auch auf dem Sektor des schwarzen Humors seine Spuren hinterlassen.

Dem nur bedingt schwindelfreien Reisenden sei auf diesem Streckenabschnitt zwischen Kandy und Dalhousie die Mitnahme einer doppelten Portion Baldrian-Tropfen empfohlen, will er die wilde Busfahrt einigermaßen heil überstehen. Bei den einheimischen Fahrgästen war allerdings keinerlei Beunruhigung über die Fahrweise des Buschauffeurs zu bemerken gewesen. Die Ceylonesen ließen sich die gute Laune nicht verderben, waren sie doch von weither angereist, um Verdienste zu erwerben, die ihnen göttlicherseits hoch angerechnet werden sollten. Im Sonntagsstaat, angetan mit dem Besten, was der spärlich gefüllte Kleiderschrank daheim in Hambantota oder Bambalapytia zu bieten hatte, hatten sie sich aufgemacht, um Buddha, dem Erleuchteten, so nah wie möglich zu sein.

Der geheimnisumwitterte Adam’s Peak bewegt schon seit Jahrhunderten religiöse Gemüter. Egal ob Hindu, Moslem, Buddhist oder Christ – jeder verehrt diesen Berg mehr oder minder heftig; der besondere Eifer der Gläubigen gilt einer kleinen Vertiefung auf seinem Gipfel, sie ist, bei großzügiger Betrachtungsweise, einem überdimensionalen Fußabdruck ähnlich. „Sri Pada“, zu deutsch: die „Fußspur der Glückseligkeit“, ist für die Hindus der Fußabdruck Shivas; die Moslems glauben, daß Adam nach der Vertreibung aus dem Garten Eden hier zum ersten Mal irdischen Boden betreten hat, Buddhisten wähnen sich auf der Fährte Buddhas, und die Christen endlich meinen, daß hier der heilige Thomas einmal kräftig aufgestampft habe. Vielen genügt solch schlichte Deutung, wer jedoch nachrechnet und so feststellt, daß die verehrungswürdige Spur einem elf Meter großen Mann gehört haben müßte, der kann sich auf diese These zurückziehen: Der sichtbare Abdruck ist nur symbolisch zu verstehen, und der wahre, normalgroße Fußabdruck ist im Innern des Berges in einem riesengroßen Saphir eingeschlossen.

Alljährlich ergießt sich in der von Januar bis März dauernden Saison ein nicht abreißender Strom von Pilgern in die „Schmetterlingsberge“, die ihren Namen der angeblichen Tatsache zu verdanken haben, daß Schmetterlinge, die den Tod nahen fühlen, sich zum Sterben hierherbegeben. In Dalhousie, nahe einer Teefabrik, nimmt der Aufstieg zum Adam’s Peak für gewöhnlich in den späten Abendstunden seinen Anfang. Spät deshalb, um nach mehrstündigen körperlichen Strapazen den atemberaubend schönen Sonnenaufgang inmitten der verzückten Pilgerschar genießen zu können.