Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Amerikas Bischöfe stehen auf gegen die Atomwaffen. In einem Hirtenbrief wollen sie die Abschreckungsstrategie der Nato anprangern.

Darf nach einem Atomraketenüberfall auf amerikanische Metropolen mit Atomwaffen zurückgeschlagen werden?

Darf die Nato einen sowjetischen Panzervorstoß in Europa mit Atomwaffen aufhalten?

Darf man einen begrenzten Atomkrieg planen?

Darf eine Nation etwas androhen, das moralisch nicht erlaubt ist?

Darf sie besitzen, was die Menschheit auslöschen würde?

Nächste Woche beginnt auf der Nationalen Bischofskonferenz die entscheidende Debatte über die aufrüttelnde Friedensepistel.

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Die ZEIT veröffentlicht Auszüge aus dem aufsehenerregenden Dokument.

Katholische Bischöfe in Amerika stellen die Nato-Doktrin in Frage – Auszüge aus

Vom kommenden Montag an werden im "Capitol Hilton Hotel" zu Washington fast dreihundert katholische Bischöfe aus den Vereinigten Staaten über ein brisantes Dokument beraten, das für die Sicherheitspolitik nicht nur Amerikas, sondern der ganzen Nato bedeutsam werden kann. Der Nationalen Bischofskonferenz liegt ein 105 Seiten langer Entwurf für einen Hirtenbrief vor, worin die Strategie der nuklearen Abschreckung mehr oder weniger für unmoralisch erklärt wird.

Es handelt sich um das längste, umfassendste und tiefschürfendste moraltheologische Dokument zum Thema Krieg und Frieden, das seit dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima in der katholischen Kirche erschienen ist. Sein Titel: "Die Herausforderung des Friedens: Gottes Verheißung und unsere Antwort."

Verfaßt wurde es im Auftrage der Bischofskonferenz von einem Komitee unter dem Erzbischof von Chicago, Joseph L. Bernardin (Chicago ist mit 2,4 Millionen Katholiken die größte amerikanische Diözese). Außer ihm gehörten der Redaktionskommission noch ein Bischof und drei Weihbischöfe an, darunter der Militärvikar für die Streitkräfte. Sie sollten nach Antworten auf drängende Fragen suchen: zum Rüstungswettlauf, zur Doktrin der nuklearen Abschreckung, zur These vom "gerechten Krieg", zur Dienst- und Arbeitsverweigerung aus Gewissensgründen. Das Komitee hat seit Juli 1981 in vierzehn Sitzungen viele Sachverständige gehört, teils aus der amerikanischen Friedensbewegung, teils aus der strategischen Planung. Neben Verteidigungsminister Caspar Weinberger erschienen auch seine Vorgänger Harold Brown und James Schlesinger; der ehemalige Unterhändler bei den SALT-I-Verhandlungen über die Begrenzung der strategischen Rüstung, Gerard Smith; der Berater Außenminister Kissingers, Helmut Sonnenfeld; der stellvertretende CIA-Chef Herbert Scoville; führende Moraltheologen, Bibelexegeten, ehemalige Militärs, Friedensforscher.

Eine erste Fassung des Entwurfs hat im Sommer dem Komitee der Bischofskonferenz einen Berg von Einsprüchen und Empfehlungen eingetragen. Die Mehrheit der Bischöfe empfand, der Entwurf habe pazifistische Positionen allzu gleichrangig neben die traditionelle, auf Augustin und Thomas von Aquin zurückgehende Lehre vom "gerechten Krieg" gestellt. Über den neuen Entwurf wird zwar jetzt ausgiebig diskutiert, aber erst im nächsten Jahr abgestimmt.

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Der geplante Hirtenbrief soll nicht nur den 50 Millionen amerikanischen Katholiken, einem Viertel der Gesamtbevölkerung, bei ihrer Gewissensentscheidung helfen, sondern auch die politische Diskussion im Lande beeinflussen. Nicht von ungefähr wurde der Entwurf am Vorabend der amerikanischen Kongreßwahlen veröffentlicht. Seine zum Teil Aufsehen erregenden Thesen sind auch eine Reaktion auf die Rüstungspolitik Präsident Reagans, auf das Stagnieren der Rüstungskontrollverhandlungen mit der Sowjetunion und auf das Gerede einiger Amts träger über die Möglichkeit eines "begrenzten" oder sogar "gewinnbaren" Atomkrieges.

Die fünf Autoren – einige hatten bereits gegen den Vietnamkrieg Stellung bezogen – haben die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Friedensreden Papst Johannes Paul II. weiterentwickelt. Sie berufen sich jedoch auch auf ihre Verantwortung als Bürger eines Landes, das als erstes Atombomben produziert und eingesetzt hat. Ihren Entwurf wollen sie nicht als fertige Synthese verstanden wissen, sondern als Einladung, in der Neueinschätzung von Krieg und Frieden fortzufahren: "Wir tun den ersten Schritt zu einer Botschaft des Friedens und der Hoffnung."

Die ZEIT bringt die wesentlichen Teile des Dokuments:

Krieg und Frieden in der modernen Welt: Probleme und Prinzipien

Wir befinden uns in einer äußersten Krise, denn der Atomkrieg bedroht die Existenz unseres Planeten. Diese Bedrohung ist verheerender als alles, was die Welt je erlebt hat. Es ist weder erträglich noch notwendig, daß wir verdammt sein sollen, unter solchen Bedingungen zu leben...

In einem außergewöhnlichen Manifest seiner persönlichen und priesterlichen Sorge, wie ein Atomkrieg zu verhindern sei, hat Papst Johannes Paul II. eine Studie der päpstlichen Akademie der Wissenschaften über die Konsequenzen des Einsatzes von Nuklearwaffen veranlaßt. Durch persönliche Vertreter hat der Heilige Vater diese Studie den Führern der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs und dem Präsidenten der Vollversammlung der Vereinten Nationen zugestellt Eine der Schlußfolgerungen dieser Studie ist besonders zweckdienlich für die öffentliche Diskussion in den Vereinigten Staaten:

"Wenn neuerdings davon die Rede ist, einen Atomkrieg zu gewinnen oder gar zu überleben, dann wird eine medizinische Realität verdrängt: Jeder atomare Krieg würde unausweichlich Tod, Krankheit und Leiden von wahrhaft infernalischen Ausmaßen nach sich ziehen. Und es bestünde keine Möglichkeit für eine wirksame medizinische Behandlung. Diese Realität zwingt zu der gleichen Schlußfolgerung, wie sie Ärzte schon für lebensbedrohende Epidemien in der Geschichte gefunden hatten: Verhütung ist unerläßlich."

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Diese medizinische Schlußfolgerung hat von selbst eine moralische Entsprechung. Früher trachtete die Morallehre der Kirche als erstes danach, einen Krieg zu verhüten, und – falls er sich ereignete – seine Folgen zu begrenzen. Heute sind die Möglichkeiten, einen Atomkrieg politisch und moralisch zu begrenzen, so unendlich gering, daß die moralische Aufgabe – wie die medizinische – nur heißen kann: den Krieg verhüten. Als Volk müssen wir uns weigern, den Gedanken eines Atomkrieges für legitim zu halten. Eine solche Weigerung verlangt nicht nur nach neuen Ideen und neuen Visionen, sondern sie verlangt auch nach dem, was das Evangelium die "Bekehrung des Herzens" nennt.

Das Nein zum Atomkrieg ist eine Notwendigkeit und zugleich eine schwierige Aufgabe ...

Wegen der zerstörerischen Wirkung von Nuklearwaffen sind neue Strategien gefunden worden, die früheren Generationen unverständlich gewesen wären. Heute haben die militärischen Vorbereitungen ein ungeheuerliches und höchstentwickeltes Ausmaß angenommen, aber der erklärte Zweck ist es, die produzierten Waffen nicht zu benutzen. Drohungen werden ausgesprochen, doch wäre es Selbstmord, sie zu verwirklichen.

Der Schlüssel zur Sicherheit liegt nicht länger in den militärischen Geheimnissen, vielmehr ist es in vielen Fällen erforderlich, den Gegner öffentlich davon in Kenntnis zu setzen, welche Waffen man hat und welche Pläne für ihre Anwendung existieren. Jene Annahme, die dem nationalstaatlichen System zugrunde liegt – Souveränität bedeute die Fähigkeit, das Territorium und die Bevölkerung einer Nation zu schützen –, wird eben durch die nuklearen Potentiale beider Supermächte aufgehoben. In gewissem Sinne ist jeder der Gnade des anderen ausgeliefert, nämlich der Vorstellung, welche Strategie "rational", welche Art von Schaden "unannehmbar" und wie "überzeugend" die Bedrohung der einen Seite für die andere ist.

Das politische Paradoxon der Abschreckung hat auch unsere moralischen Werte überbeansprucht. Darf eine Nation etwas androhen, das sie niemals tun darf? Darf sie besitzen, was sie niemals anwenden darf? Wer steht hinter der Drohung, die jede Supermacht ausspricht: Mitglieder der Regierung? Das Militär? Oder die Bürger, zu deren "Verteidigung" die Drohung ausgesprochen wird?

Kurzum, die Gefahr der gegenwärtigen Situation liegt klar auf der Hand. Aber das Dilemma, wie man die Anwendung von Nuklearwaffen verhindern, wie die Abschreckung bewerten und wie die moralische Verantwortung im Atomzeitalter genau umreißen soll, wird weniger klar gesehen oder ausgemacht. Wegen der Komplexität des nuklearen Problems müssen unsere Argumente detailliert und nuanciert vorgetragen werden. Unser "Nein" muß am Ende aber definitiv und entscheidend sein.

Der Einsatz von Nuklearwaffen

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Keine Frage: Diejenigen, die in der kirchlichen Tradition der Gewaltlosigkeit stehen, lehnen Nuklearwaffen unter allen Umständen ab. Aber auch für jene, die eine gewisse Legitimität in der Anwendung von Gewalt sehen, Gegen die gegenwärtigen Atomkriegsstrategien jenseits des moralisch Erlaubten. Eine gerechtfertigte Anwendung von Gewalt muß sowohl hinsichtlich der Ziele scharf unterscheiden als auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren. Gewisse Aspekte der amerikanischen wie der sowjetischen Strategien versagen vor diesen beiden Kriterien. Die einschlägige Literatur und die Aussagen von Regierungs vertretern, die mit der amerikanischen Nuklearstrategie vertraut sind, haben uns überzeugt, daß die Begrenzung eines nuklearen Konfliktes höchst unwahrscheinlich ist.

In der komplizierten Frage eines "begrenzten" Atomkrieges... scheint uns, daß kein offizieller Experte folgendes Resümee der Studie der päpstlichen Akademie der Wissenschaften widerlegen konnte: "Sogar ein nuklearer Angriff nur gegen militärische Ziele würde ein ganzes Land verwüsten." Deshalb wenden wir uns drei Fragen mit besonderer Aufmerksamkeit zu:

1. Krieg gegen die Zivilbevölkerung: Unter gar keinen Umständen dürfen Nuklearwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen zu dem Zwecke eingesetzt werden, Bevölkerungszentren oder andere vorwiegend zivile Ziele zu zerstören. Die Päpste haben mehrmals eine solche Anwendung verurteilt...

Genauso beunruhigend aber ist ein Problem, das die Natur des modernen Krieges nur allzu sicher erscheinen läßt: Ein Angriff auf militärische Ziele oder industrielle Ziele von militärischer Bedeutung zöge "indirekt", das heißt unbeabsichtigt gewaltige Verluste unter der Zivilbevölkerung nach sich. Das Problem wird noch verschärft, wenn die eine oder andere Seite absichtlich militärische Ziele in dicht bevölkerte Gebiete hineinverlegt...

Wir sind uns des Streites um diese Probleme bewußt. Gleichwohl fühlen wir uns aus Gründen der praktischen Moral verpflichtet, unseren Widerstand gegen eine Strategie anzumelden, die Angriffe auf Ziele in der Nähe dichtbesiedelter Wohngebiete einschließt. In diesem Fall ist das moralische Prinzip unzweideutig: Der Schaden, der dem menschlichen Leben zugefügt würde, stünde in keinem Verhältnis zu den militärischen Zielen. Wir halten es für sehr wichtig, diesen Grundsatz der praktischen Moral vorzutragen, weil neuerdings in politischen Vorschlägen versucht wird, Angriffe auf militärisch wichtige Industrieziele in bevölkerten Gebieten zu rechtfertigen.

Wir verurteilen außerdem Vergeltung die viele unschuldige Leben fordern würden, bot von Menschen, die in keiner Weise für die leichtsinnigen Handlungen ihrer Regierungen verantwortlich sind. Diese Verurteilung gilt insbesondere auch für den Einsatz von Vergeltungswaffen gegen Städte des Feindes, nachdem unsere eigenen Städte angegriffen worden sind. Vergeltung unter diesen Umständen hätte keinen rationalen oder moralischen Grund und könnte nur als Racheakt angesehen werden. Kein Christ darf Befehle oder Strategien ausführen, welche die Tötung von Nichtkombattanten vorsehen.

2. Entfesselung eines Atomkrieges: Wir können uns keine Situation vorstellen, in welcher die vorsätzliche Entfesselung eines Atomkrieges – wie begrenzt auch immer – moralisch zu rechtfertigen wäre. Nicht-nukleare Angriffe eines anderen Staates müssen mit anderen als nuklearen Waffen abgewehrt werden.

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Hierüber gibt es eine ernsthafte Debatte. Man diskutiert in politischen Kategorien, aber die Debatte hat bedeutsame moralische Dimensionen. Manch einer hat vorgetragen, daß zu Beginn eines Krieges Nuklearwaffen – vielleicht in begrenzter Zahl – einzig gegen militärische Ziele verwendet werden können. Tatsächlich war es schon seit langem die Strategie der Amerikaner und der Nato, Nuklearwaffen, besonders die sogenannten taktischen Atomwaffen, womöglich zum Einsatz zu bringen, wenn die Nato-Truppen in Europa Gefahr liefen, einen bis dahin auf konventionelle Waffen beschränkten Krieg zu verlieren...

Ob bei einem Krieg in Europa, in Teilen Asiens oder im Nahen Osten, oder ob bei einem unmittelbaren Schlagabtausch mit interkontinentalen Waffen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion: die Schwierigkeiten, den Gebrauch von Nuklearwaffen zu begrenzen, sind enorm...

Niemand kann sicher sein, daß es nicht zu dieser Eskalation käme, selbst wenn man politisch versuchte, einen solchen Schlagabtausch zu ,begrenzen" ...

Die Gefahr wurzelt nicht allein in der Technik unserer Waffensysteme, sie rührt auch her aus der Schwäche und der Sündhaftigkeit der menschlichen Gemeinschaft. Wir meinen, daß die moralische Verantwortung für einen Atomkrieg durch keinerlei rationale politische Ziele zu rechtfertigen ist.

3. Begrenzter Atomkrieg: Man könnte unseren beiden ersten Ergebnissen zusammen und wäre sich doch nicht sicher, daß Nuklearwaffen zur Vergeltung eingesetzt würden, zu dem, was man einen "begrenzten Schlagabtausch" nennt. Die technische Intelligenz und die Schriften der Moralisten sind hierüber geteilter Meinung. Aber es geht uns nicht um die theoretische, sondern um die tatsächliche Möglichkeit eines "begrenzten nuklearen Schlagabtauschs".

Wir sehen ein, daß die Strategiedebatte in diesem Punkt noch nicht mit letzter Schlüssigkeit beendet werden kann, und daß alle Teilnehmer auf Hypothesen über wahrscheinliche Reaktionen bei einem nuklearen Schlagabtausch angewiesen sind. Wir versuchen nicht, über die technische Debatte zu urteilen. Wir nehmen sie zur Kenntnis und wollen eine Reihe von Fragen stellen, um die aktuelle Bedeutung des Wortes "begrenzt" in dieser Diskussion zu ergründen:

  • Würden die Politiker ausreichend informiert sein, um zu wissen, was bei einem nuklearen Schlagabtausch vor sich geht?
  • Wären sie unter solchem Streß, solchem Zeitdruck und bei nur bruchstückhaften Nachrichten in der Lage, außerordentlich präzise Entscheidungen zu treffen, um den Schlagabtausch begrenzt zu halten, wenn dies technisch möglich wäre?
  • Wären die Kommandeure in der Lage, inmitten der Zerstörung und Konfusion bei einem nuklearen Schlagabtausch ein Konzept der "unterscheidenden Zielansprache" durchzuhalten? Geht dies überhaupt in einem modernen Krieg, der über große Entfernungen hinweg mit Flugzeugen und Raketen geführt wird?
  • In Kenntnis der Unfälle, die sich schon in Friedenszeiten ereignen, fragen wir uns: Welche Sicherheiten haben wir, daß Computerfehler während eines nuklearen Schlagabtausches verhindert werden können?
  • Würde nicht die Zahl der Opfer, selbst in einem Krieg, den die Strategen "begrenzt" nennen, in Millionenhöhe liegen?
  • Wie "begrenzt" wären die Langzeitfolgen der Verstrahlung, der Hungersnöte, der sozialen Zersplitterung und der wirtschaftlichen Zergliederung?

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Dieses Bündel von Fragen macht uns skeptisch über die wirkliche Bedeutung des Wortes "begrenzt".

Angesichts dieser beängstigenden und höchst spekulativ geführten Debatte über eine Angelegenheit, die Millionen von Menschenleben betrifft, glauben wir: Der wirksamste Beitrag zur moralischen Bewertung wären Kategorien, die es erlaubten, die empirische Debatte zu beurteilen. Moralische Kategorien dürften nicht nur die quantitativen Dimensionen einer Frage ansprechen, sondern auch deren psychologische, menschliche und religiöse Merkmale. Das Thema "begrenzter Krieg" läßt sich nicht einfach auf die Dimension der Waffen und der strategischen Planung reduzieren. Die Debatte müßte die psychologische und politische Bedeutung einschließen, die eine Überschreitung der Grenze vom konventionellen zum nuklearen Krieg in jeglicher Form haben würde. Die nukleare Grenzscheide überschreiten hieße, in eine Welt eintreten, in der wir keine Erfahrung mit der Kontrolle haben. Viel spricht dagegen, daß eine Kontrolle möglich wäre. Es gibt keine Rechtfertigung, die menschliche Gemeinschaft diesem Risiko auszusetzen...

Abschreckung als Prinzip und in der Praxis

... Das Verhältnis wechselseitiger Abschreckung bestimmt die amerikanisch-sowjetische Konkurrenz und ist gegenwärtig die gefährlichste Dimension des nuklearen Wettrüstens.

1. Das Konzept der Abschreckung

... Im wesentlichen meint Abschreckung, "einen möglichen Gegner von der Entfesselung eines Angriffs oder Konfliktes abzubringen, oftmals durch die Androhung einer Vergeltung, die einen unakzeptablen Schaden hervorriefe"...

Diese allgemeine Definition der Abschreckung beschreibt nicht die verschiedenen Phasen, welche diese wechselseitige Abschreckung in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Nähme man zum Beispiel die amerikanische Strategie, so könnte man die "massive Vergeltung" mit der "flexiblen Antwort", "die gegenseitige gesicherte Zerstörung" mit der Strategie der "angemessenen Gegenwehr" (countervailing) vergleichen... Unsere Absicht aber ist es, die moralische Dimension der Abschreckung anzusprechen.

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2. Die moralische Frage

In der Vergangenheit hat der Gedanke der Abschreckung keine besonderen moralischen Probleme nach sich gezogen. Im Atomzeitalter aber werden durch die Abschreckung ernsteste moralische Fragen für die katholische Lehre vom Krieg aufgeworfen. Im allgemeinen stimmen Moralisten, religiöse und weltliche Analytiker, Bürger und Politiker überein: Eines der schlimmsten politischen und moralischen Übel wäre die bewußte Entfesselung eines Atomkrieges mit seinem gewaltigen Zerstörungspotential.

Der Zweck der Abschreckung ist die Verhütung dieser Möglichkeit. Aber das moralische Problem nuklearer Abschreckung hat viel mit der Methode der Kriegsverhütung zu tun. Ein Auszug aus dem "U. S. Military Posture Statement beschreibt einige Teile der Abschreckungsmethode:

"Erste Aufgabe der amerikanischen strategischen Streitkräfte und der sie unterstützenden Kräfte ist es, die Sowjetunion von einem Atomangriff auf die Vereinigen Staaten und ihre Verbündeten abzuschrecken. Abschreckung basiert auf der gesicherten Fähigkeit und dem zum Ausdruck gebrachten Willen, die Sowjetunion in einem Maße zu schädigen, das in keinem Verhältnis zu jeglichem Ziel steht, welches rational handelnde sowjetische Staatsmänner zu erreichen hoffen."

Das Konzept der "Disproportionalität" oder der "unannehmbaren" Zerstörung setzt die Bereitschaft voraus, "wertvolle" Ziele im Lande des Angreifers zu zerschlagen. "Wertvolle Ziele" – das sind entweder die Zivilbevölkerung des Gegners oder industrielle Ziele, deren Zerstörung unweigerlich den Tod einer großen Zahl von Zivilisten mit sich bringen würde.

Die moralische Frage der Abschreckung zielt auf fünf Aspekte: 1. Den Besitz von Massenvernichtungswaffen, 2. die ihn begleitende Drohung oder Absicht, sie zu gebrauchen, 3. die erklärte oder zumindest nicht dementierte Bereitschaft, solche Waffen gegen Zivilisten anzuwenden, 4. die moralische Bedeutung der Verhütung eines Einsatzes von Nuklearwaffen (mittels einer moralisch nicht vertretbaren Strategie) und 5. die weitere Eskalation des nuklearen Wettrüstens und die damit verbundene Inanspruchnahme von Ressourcen, die anderswo gebraucht werden könnten ...

Einigen gilt die Tatsache, daß Nuklearwaffen in den vergangenen 38 Jahren nicht benutzt worden sind, als Beweis, daß die Abschreckung funktioniert. Dies genüge den Anforderungen politischer und moralischer Ordnung. Andere stellen diese Bewertung in Frage, indem sie das Risiko hervorheben, das beim Versagen der Abschreckung aufträte... Für sie ist die Abwesenheit des Atomkrieges nicht notwendigerweise ein Beweis, daß die Politik der Abschreckung ihn verhütet habe.

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Wieder andere Beobachter, besonders jene in der Tradition des Katholizismus, welche der "Absicht" einer moralischen Handlung hohen Wert zumessen, haben hervorgehoben, daß der Abschreckungseffekt – wie groß auch immer – nicht durch die "Absicht" erreicht werden sollte, auch Schläge gegen Bevölkerungszentren auszuführen. 1979 plädierte Kardinal John Krol im Namen der amerikanischen Katholikenkonferenz für die Verabschiedung des SALT II-Vertrages über die Begrenzung und Verminderung strategischer Waffen. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit auf die andere Seite der Abschreckungsproblematik: Die tatsächliche Anwendung von Nuklearwaffen mag verhindert worden sein (ein moralisches Plus). Aber das Risiko des Versagens, der physische Schaden und die moralischen Übel, die aus einem möglichen atomaren Krieg hervorgingen, sind geblieben.

Überdies widersprechen einige Elemente der Abschreckungsstrategie wesentlichen Prinzipien der katholischen Theologie. Für uns gilt als bewiesen, daß Abschreckung nur annehmbar ist, wenn zugleich alles unternommen wird, aus dieser moralisch angeschlagenen und politisch gefährlichen Situation herauszukommen: Man hat uns zu Recht darauf hingewiesen, daß selbst eine nuancierte, an Bedingungen geknüpfte Zustimmung zur Abschreckungsstrategie in einem Hirtenbrief wie diesem unzulässigerweise benutzt werden könnte, um die Politik erhöhter Rüstungsproduktion zu unterstützen.

Das moralische Urteil in unserer Erklärung lautet: Nicht nur der Gebrauch strategischer Atomwaffen, schon die erklärte Absicht, sie im Rahmen einer Abschreckungsstrategie zu gebrauchen, ist falsch. Dies erklärt die Unzufriedenheit der Katholiken mit der nuklearen Abschreckung. Dies erklärt die dringliche katholische Forderung, das nukleare Wettrüsten umzudrehen. Es ist von größter Wichtigkeit, daß die Verhandlungen über eine sinnvolle und fortgesetzte Verringerung der nuklearen Waffenlager weitergehen, Verhandlungen womöglich auch über einen völligen Verzicht auf nukleare Abschreckung und gegenseitige gesicherte Zerstörung.

Die vorsichtige Bewertung der Abschreckungsdoktrin durch den Heiligen Vater ergibt sich aus der Komplexität dieses Gedankengebäudes. Der Heilige Vater hält zweierlei für unerläßlich: erstens: Abschreckung, selbst auf der Grundlage des Gleichgewichts, darf kein Ziel an sich sein; zweitens: Abschreckung muß ein Schritt auf dem Weg zur fortschreitenden Abrüstung sein...

Johannes Paul II. sagt zwar, daß die Abschreckung moralisch akzeptabel sein könne, wenn sie als Schritt zur Abrüstung dient. Dieser Vorbehalt unterstreicht aber, daß die Worte des Papstes "moralisch akzeptabel" an strenge Bedingungen geknüpft sind ... Diese Bedingungen fügen sich zu Kriterien für eine moralische Bewertung einzelner Elemente der Abschreckungsstrategie:

1. Wenn die Abschreckung nur die Anwendung von Nuklearwaffen durch andere verhindern soll, dann müssen wir auch Vorschlägen widerstehen, über dieses Ziel hinauszugehen ...

2. Wenn Abschreckung unser Ziel ist, dann ist eine "ausreichende" Bewaffnung die angemessene Strategie; der Forderung nach Überlegenheit über den Gegner muß man sich widersetzen.

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3. Wenn Abschreckung als "ein Schritt zur fortschreitenden Abrüstung" dienen soll, dann muß jede vorgeschlagene Ergänzung unseres strategischen Systems oder jeder Wechsel unserer strategischen Doktrin genauestens untersucht werden. Es gilt zu fragen, ob dies Rüstungskontrolle und Abrüstung wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen würde ...

Angesichts dieser allgemeinen Prinzipien widersetzen wir uns einigen Zielen unserer gegenwärtigen Abschreckungspolitik:

1. Wir sind gegen neue Waffen, die wahrscheinlich zum Angriff einladen und darum dem Gedanken Vorschub leisten, die Vereinigten Staaten strebten eine Erstschlagkapazität an ("Hard-target kill" = Waffen zur Zerstörung geschützter gegnerischer Anlagen); die MX-Rakete würde unter diese Katagorie fallen.

2. Wir sind gegen die Bereitschaft, eine strategische Planung zu unterstützen, die einen Atomkrieg führbar zu machen sucht.

3. Wir sind gegen Vorschläge, die im Endeffekt die Atomschwelle senken und den Unterschied zwischen nuklearen und konventionellen Waffen verwischen könnten...

Wir empfehlen dagegen die Unterstützung für:

1. unverzügliche, beidseitige, überprüfbare Vereinbarungen, um die Erprobung, Produktion und Stationierung neuer strategischer Waffensysteme zu stoppen;

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2. eine ausgehandelte, einschneidende Verringerung der Arsenale beider Supermächte, besonders bei jenen Waffensystemen, die destabilisierende Eigenschaften haben;

3. ein umfassendes Teststoppabkommen;

4. den Abzug aller Nuklearwaffen aus Grenzgebieten durch alle Parteien und eine Straffung der Befehlsstruktur und der Kontrolle bei taktischen Atomwaffen, um deren versehentlichen und unerlaubten Gebrauch zu verhindern.

Mit diesen Bewertungen wollen wir beispielhaft darstellen, daß wir die Abschreckungsstrategie nur insoweit nicht unwiderruflich ablehnen, als wir ihre abschreckende Rolle akzeptieren, nicht aber deren Ausweitung bis hinter jene Schranke, die den Gebrauch von Nuklearwaffen verhindert.

Es wird einen außerordentlichen intellektuellen, politischen und moralischen Aufwand erfordern, die Abschreckungsstrategie unserer Nation neu zu durchdenken, sie so zu revidieren, daß die Möglichkeit eines atomaren Krieges verringert wird und es schließlich zu einem stabileren System nationaler und internationaler Sicherheit kommt: Wir glauben darüber hinaus, daß diese Ziele die Bereitschaft voraussetzen, uns der Fürsorge, der Macht und dem Worte Gottes zu öffnen, das uns ermahnt, unsere gemeinsame Menschlichkeit und die Bande wechselseitiger Verantwortung anzuerkennen. Denn diese existieren in der internationalen Gemeinschaft ungeachtet aller politischen Differenzen und trotz aller nuklearen Arsenale.

Förderung des Friedens:

Propositionen und Politik

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Die Gefahren des modernen Krieges sind besonderer Art und offensichtlich; also muß auch unsere Lehre über die Notwendigkeit des Friedens besonderer Art sein. Angesichts der andauernden Eskalation des Rüstungswettlaufs muß die Kontrolle und schließlich die Beseitigung der nuklearen und der anderen Waffen in verschiedenen Richtungen vorangehen.

Beschleunigte Bemühungen um die Rüstungskontrolle, die Rüstungsverringerung und die Abrüstung:

Wir halten Vereinbarungen zwischen den Großmächten, besonders zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, für unbedingt notwendig. Die Abrüstung muß aus einer Reihe von überprüfbaren Vereinbarungen vor allem zwischen den beiden Supermächten bestehen. Wir plädieren nicht für eine Politik einseitiger Abrüstung, aber wir meinen, daß die dringende Notwendigkeit zur Kontrolle des Rüstungswettlaufs von jeder Seite die Bereitschaft verlangt, einige erste Schritte zu unternehmen ... Sollte eine entsprechende Antwort ausbleiben, wären die Vereinigten Staaten nicht länger an ihre Schritte gebunden.

Unser Land hat früher schon zugunsten der Freiheit und der menschlichen Werte kalkulierte Risiken auf sich genommen. Auch heute werden bestimmte Risiken verlangt, um die Welt aus den Fesseln der nuklearen Abschreckung und vom Risiko des nuklearen Krieges zu befreien. Beispielsweise könnten die Vereinigten Staaten auf die Stationierung von Waffen verzichten, die hauptsächlich für einen Erstschlag verwendbar wären ...

Das Verhältnis von nuklearer und konventioneller Verteidigung: Unsere entschiedene Haltung gegen den Einsatz von Nuklearwaffen, vor allem gegen die Entfesselung eines Nuklearkrieges in irgendeiner Form, wirft unvermeidlich die Frage auf, wie wir zu den Erfordernissen einer konventionellen Verteidigung stehen...

Wird also eine bestimmte Form der nuklearen Abschreckung verworfen, könnten sich daraus höhere Kosten für den Aufbau konventioneller Streitkräfte ergeben. Die Führer und Völker anderer Nationen werden vielleicht für ihre eigene Verteidigung mehr aufwenden müssen, falls die amerikanische Regierung von ihrer Drohung Abstand nimmt, als erste Nuklearwaffen einzusetzen.

Wir können nicht beurteilen, wie stark diese Argumente im einzelnen sind, und wir sind uns darüber im klaren, daß jede Form der Wehrpflicht für die Bürger eine Bürde ist. Außerdem sind wir uns bewußt, daß auch der konventionelle Krieg leicht sinnlos werden kann und in keinem Verhältnis zu irgendeinem vernünftigen Zweck mehr stünde.

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Keineswegs möchten wir beitragen zu einer Doktrin nach der Art, "die Welt für den konventionellen Krieg sichermachen"; sie würde ihre eigenen Schrecken produzieren. Jedoch könnte man sich wohl vorstellen, daß eine gewisse Verstärkung der konventionellen Verteidigung ein angemessener Preis wäre, falls dies in der Tat die Wahrscheinlichkeit eines Nuklearkrieges verringern würde. Dennoch müssen wir uns mit aller Kraft wieder ins Bewußtsein rufen, daß es nicht nur darum geht, den Nuklearkrieg zu verhindern, sondern den Krieg überhaupt, diese Geißel der Menschheit. Die Geschichte hat gezeigt, daß schon die Spirale der konventionellen Rüstung und das ungezügelte fortgesetzte Wachstum der Streitkräfte eher den Krieg provoziert, als den wahren Frieden sichert.

Die Verhütung des Nuklearkrieges ist höchstes moralisches Gebot; doch die Verhütung des Krieges, sei er nuklear oder konventionell, ist als Konzeption für die internationalen Beziehungen heute nicht mehr ausreichend...

Die Gestaltung einer friedlichen Welt Nichts könnte die zerbrechliche Natur der internationalen Ordnung heute dramatischer demonstrieren, als das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Diese beiden souveränen Staaten haben zwar einen offenen Krieg vermieden, sowohl den nuklearen wie den konventionellen, aber sie sind getrennt durch ihre Philosophie, ihre Ideologie und ihre konkurrierenden Bestrebungen. Ihr Wettkampf ist weltweit und umfaßt alles von den vergleichbaren Arsenalen der Nuklearwaffen bis zu den Propagandaschriften. Und beide werden regelmäßig auf internationalen Zusammenkünften wegen ihrer Politik des nuklearen Wettrüstens kritisiert...

Für viele Amerikaner stellt sich die Kriegsgefahr gewöhnlich so dar, daß eine militärische Expansion der Sowjetunion drohe und folglich die Abschreckung oder die Verteidigung gegen diese militärische Drohung zwangsläufig sei. Viele halten diese Drohung für dauerhaft, so daß gar nichts anderes übrig bleibe, als eine überwältigende oder zumindest ebenbürtige militärische Macht aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Auch die gegenwärtigen Pläne der Vereinigten Staaten, die Rüstungsausgaben zu erhöhen und das strategische "Gleichgewicht" oder "Überlegenheit" "wiederzugewinnen", werden in aller Regelmäßigkeit mit der sowjetischen Drohung gerechtfertigt.

Nun können die sowjetische Drohung und der imperialistische Drang der Sowjets nach der Hegemonie, zumindest in Gebieten von größerer stra- – tegischer Bedeutung, schlechthin nicht geleugnet werden. Zwar hat die Geschichte des Kalten Sieges verschiedene Interpretationen dafür geliefert, welche Seite welchen Konflikt verursacht habe. Aber was immer die historischen Einzelheiten beilegen, so bleibt doch die einfache Tatsache, daß die Erinnerungen an die sowjetische Politik in Osteuropa und die jüngsten Ereignisse in Afghanistan und Polen in der politischen Debatte Amerikas ihre Spuren, hinterlassen haben.

Unglücklicherweise hat dies in einigen Kreisen zu der Zwangsvorstellung geführt, sowjetische Politik werde von irrationalen Führern gelenkt, die wahnsinnigerweise um jeden Preis nach der Weltherrschaft streben. Eine andere Denkschule würde zugeben, daß die wechselseitigen Interessen, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu lebenswichtigen Vereinbarungen führen können und geführt haben. Beispiele dafür sind die verschiedenen Verträge über einen Teststopp, auch die Verträge über ein Verbot von Atomexplosionen im Weltraum und unter dem Meeresspiegel, sowie die beiden SALT-Abkommen.

Nicht nur das historische Ergebnis belegt, daß in einigen Spannungsbereichen fruchtbare Verhandlungen möglich sind, sondern auch die simple Tatsache, daß die Verhandlungen auf dem Felde der strategischen Waffen voranschreiten. Viele Europäer glauben an einen Modus vivendi (oft auch "Entspannung" genannt) als praktische Möglichkeit, sowohl auf diesem als auch auf dem wirtschaftlichen und dem wissenschaftlichen Felde. Auch wenn die Sowjetunion jetzt über ein gewaltiges Arsenal strategischer Waffen verfügt, das uns so bedrohlich erscheint wie ihnen unser Arsenal, so wird dadurch die Möglichkeit erfolgreicher Verhandlungen nicht ausgeschlossen.

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Die Amerikaner machen sich keine Illusionen über die Zwangsherrschaft der Sowjets, über ihre Mißachtung der Menschenrechte, über ihre Geheimdienstoperationen (vor denen die Vereinigten Staaten ihrerseits nicht zurückschrecken) oder ihre Umtriebe im Vorfeld der Revolutionen. Trotzdem dürfen sich die Amerikaner in ihren Anstrengungen um den Frieden nicht dermaßen durch eine Form des Antikommunismus lähmen lassen ...

Wir Bischöfe müssen uns um Dinge sorgen, die über die Erfordernisse der Diplomatie hinausgehen ... Beim diplomatischen Dialog sieht einer im anderen den potentiellen oder tatsächlichen Gegner. Wir aber müssen in dem anderen potentiell mehr seihen als einen Gegner. Das sowjetische Verhalten verdient in einigen Fällen durchaus das Adjektiv "scheußlich"; aber weder das sowjetische Volk noch seine Führer sind Monster; es sind Menschen, die nach dem Bilde Gottes erschaffen wurden.

Wer glaubt, wir seien auch in Zukunft einzig zu dem verdammt, was in der Vergangenheit die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen ausgemacht hat, der unterschätzt die menschlichen Möglichkeiten für eine schöpferische Diplomatie ebenso wie Gottes Handeln unter uns, das den Weg zu Veränderungen öffnen kann, wie wir sie uns kaum vorzustellen vermögen. Doch haben wir nicht vor, die Illusion zu nähren, daß der Fortschritt in den Beziehungen der Supermächte von Spannungen frei bleiben oder daß der Frieden leicht zu erreichen sein werde. Aber wir warnen vor jener "Verstocktheit des Herzens", die uns oder andere von jenem Wandel ausschließen könnte, der notwendig ist, damit sich die Zukunft von der Vergangenheit unterscheidet;

Die geistliche Herausforderung und Antwort Aufruf und Erwartung

Wir sprechen hier in besonderer Weise zur Gemeinschaft der Katholiken. Wir müssen ein Meinungsklima schaffen, das unserem Land ermöglicht, tiefen Schmerz über den Abwurf der Atombomben im Jahre 1945 auszudrücken. Ohne diese Reue ist es unmöglich, einen Weg zu finden, die zukünftige Anwendung von Nuklearwaffen oder konventionellen Waffen in solchen militärischen Aktionen abzulehnen, welche nicht mehr den Kriterien des gerechten Krieges entsprechen würden.

An die Männer und Frauen beim Militär: Millionen von Euch leisten als Katholiken in den Streitkräften Wehrdienst... All jene, die Verantwortung tragen und in der Befehlskette stehen, erinnern wir daran, daß ihre Ausbildungs- und Felddienstvorschriften gewisse Arten der Kriegführung immer verboten haben und noch verbieten, inbesondere Handlungen, die Leid über unschuldige Zivilisten bringen... Wir haben uns in diesem Dokument zum Beispiel klar gegen den vorsätzlichen Gebrauch von Waffen gegen die Zivilbevölkerung ausgesprochen. Katholische Militärpersonen müssen diese Verbote befolgen ...

Eines der schwierigsten Probleme des Krieges ist, eine freie Gesellschaft zu verteidigen, ohne jene Werte zu zerstören, die ihr Sinn und Gültigkeit geben. Die Verrohung der Soldaten einer Nation zu dem Zweck, ihre Kampfkraft durch Abstumpfung ihrer Sensibilität und durch Erzeugung von Haß gegen die Gegner zu stärken, beraubt sie der grundlegenden Menschenrechte und Freiheiten und entwürdigt sie als Menschen ...

Ist atomare Abschreckung unmoralisch?

Was geschieht aber mit den Soldaten, die Handlungen auszuführen haben, welche – sei es der Angriff auf legitime Ziele, seien es die Verwundung oder Tötung gegnerischer Kampfkräfte – moralisch vielleicht gerechtfertigt sein mögen? Werden sie lediglich wie Kriegs instrumente behandelt, gefühllos wie die Waffen, die sie benutzen? Mit welchen moralischen oder emotionellen Erfahrungen kommen sie aus dem Krieg zurück und versuchen, wieder die Normalität eines bürgerlichen Lebens aufzunehmen? Welchen Einfluß haben ihre Erfahrungen auf die Gesellschaft? Wie werden sie von der Gesellschaft behandelt?

Nicht nur die grundlegenden Menschenrechte der Gegner müssen respektiert werden, sondern auch die unserer eigenen Streitkräfte. Wir betonen deshalb nochmals die Verpflichtung der verantwortlichen Stellen, angemessene Ausbildung und Erziehung der Kampfstreitkräfte zu gewährleisten und für die angemessene Unterstützung derer zu sorgen, die im Krieg waren. Es ist gewissenlos, jenen Kriegsveteranen, deren Leben durch ihre Kampferfahrungen ernsthaft zerrüttet oder verletzt wurde, geeignete psychologische und anderweitige Behandlung vorzuenthalten..."

An die Männer und Frauen in der Rüstungsindustrie: Auch Ihr müßt Euch mit bestimmten Fragen auseinandersetzen, denn Eure Industrie produziert viele jener Waffen von massiver und rücksichtsloser Zerstörungskraft, die uns in diesem Brief Sorge bereiten. Wir haben schon die Drohung, solche Waffen zu benutzen, als unmoralisch beurteilt. Gleichzeitig haben wir jedoch die Ansicht vertreten, daß der Besitz von Nuklearwaffen zum Zwecke der Abschreckung toleriert werden kann, solange nennenswerte Anstrengungen unternommen werden, um eine allseitige Abrüstung zu erreichen.

Deshalb können wir derzeit von Katholiken, welche Nuklaerwaffen herstellen, in dem aufrichtigen Glauben, dadurch die Abschreckungskapazität zu steigern und die Möglichkeit eines Krieges zu verringern, nicht verlangen, derartige Tätigkeiten aufzugeben. Sollten wir zur Überzeugung gelangen, daß auch der zeitweilige Besitz solcher Waffen moralisch nicht mehr länger toleriert werden kann, müßten wir logischerweise jederlei Beteiligung an deren Herstellung als unmoralisch betrachten.

Alle Katholiken in der Waffenindustrie sollten ihre Tätigkeit laufend überprüfen, indem sie ihr Gewissen mit den wichtigsten Prinzipien dieses Hirtenbriefes in Einklang bringen. Jene, die nach ihrem Gewissen entscheiden, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, sollten von der Gemeinschaft der Katholiken unterstützt werden. Wir erkennen, daß sich auf diesem komplizierten Gebiet verschiedenartige Gewissensentscheidungen und verschiedenartige Menschen gegenüberstehen werden; als Morallehrer versuchen wir für all jene da zu sein, die mit diesen heiklen Fragen fachlicher und beruflicher Entscheidung kämpfen.

An die Politiker: ... Keine öffentliche Aufgabe ist schwerer als jene, den Krieg zu vermeiden; keine öffentliche Aufgabe edler als die, einen sicheren Frieden zu schaffen. Die Politiker in einer Demokratie müssen sowohl führen als auch auf Rat hören ... Wir fordern Euch auf, mit Mut zu führen und mit Feingefühl auf die öffentliche Auseinandersetzung zu hören. An die Katholiken als Staatsbürger: ... In einer Demokratie entsprechen einander die Verantwortlichkeit der Nation und jene ihrer Bürger. Nun werfen die Nuklearwaffen besonders dringliche Gewissensfragen für die amerikanischen Katholiken auf. Als Staatsbürger wollen wir unsere Loyalität zu unserem Land und seinen Idealen beteuern, doch wir müssen auch die universalen Grundsätze vertraten, welche die Kirche verkündet. Auch wenn andere Länder Nuklearwaffen besitzen, dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Vereinigten Staaten das erste Land waren, das sie baute Und zum Einsatz brachte. Wie die Sowjetunion besitzt dieses Land nun so viele Waffen, daß es den Fortbestand derZivilisation gefährdet.

Die Amerikaner haben ihren Anteil an der Verantwortung für die gegenwärtigen Verhältnisse und können sich nicht der Verantwortung entziehen, eine Lösung zu versuchen ...

In der weiterführenden Debatte berufen wir uns auf die Werte und die Vision der katholischen Lehre, um mit den anderen christlichen Kirchen, mit den jüdischen und islamischen Gemeinschaften in unserem Lande und mit allen Menschen guten Willens bei dem Versuch zusammenzuarbeiten, den Rüstungswettlauf rückgängig zu machen und den Frieden der Welt zu sichern. Copyright (c) 1982 by No News Service