Von Claus Schreiner

Eine Stunde nachdem der Bus den Flughafen von Puerto Rosario verlassen hat, geschieht seit vielen Jahren immer wieder das gleiche: Die vom vierstündigen Flug gestreßten Neuankömmlinge stürzen sich auf die Fenster und schließen sie, um den Staub abzuwehren, den entgegenkommende Fahrzeuge auf der unbefestigten Sandpiste aufwirbeln. Spätestens in diesem Moment sagen die meisten Touristen den Kanaren, sagen sie Fuerteventura ade, um erst eine Stunde später Türen und Fenster in kulturellem Niemandsland wieder zu öffnen, auf der Halbinsel Jandia, im Süden von Fuerteventura. Mächtige Hotelanlagen nehmen sie auf, und vierzehn Tage lang wird man sie vereinzelt am Strand, beim Bummel im Ort Morro Jable oder überhaupt nicht mehr wiedersehen.

Im nahegelegenen Dorf Motto Jable wird der Fremde kaum Kontakt zur Kultur der Kanaren bekommen. Als das erste große Hotel in Jandia gebaut wurde, gab es dort nur eine Handvoll Menschen, die sich vom Fischfang ernährten. Der große Personalbedarf der Hotels hat dann Hunderte von Majoreros von Fuerteventura und Kanaren anderer Inseln nach Jandia gezogen, die sich in Morro Jable ansiedelten. Haus um Haus wurde gebaut. Von Jahr zu Jahr vergrößerte sich der Ort. Nicht einmal eine allen Bewohnern gemeinsame, kaum zehnjährige Geschichte verbindet die Bewohner heute miteinander. Sie sind keine kulturelle Gemeinschaft, nur eine Interessengemeinschaft in Abhängigkeit vom Tourismus. Kneipen entstanden in Hülle und Fülle, Schlafzimmerwände wurden aufgebrochen, um einem weiteren Lädchen eine Eingangsfront zu schaffen. Die Preise, die noch vor sechs Jahren den Deutschen spottbillig erschienen, zogen an. Wer auch immer als Kellner oder Fischer nebenher ein Lädchen oder Restaurant betrieb, erkannte schnell, daß die Einsamkeit von Jandia eine kapitalkräftige Pfründe ist.

Kultur in Jandia wird nicht gegenwärtig im Bild der vielen schwangeren Frauen, die einem im Dorf begegnen und die einen noch größeren Bevölkerungszuwachs verheißen. Das sind auch nicht die Söhne der gutverdienenden Kneipen- und Ladenbesitzer, die mit ihren Motorrädern an den Ecken herumlungern, und andere, die schon herausfanden, daß Touristen-Beklauen noch der leichteste Weg ist, zu Geld zu kommen. Kultur in Jandia, das ist auch nicht der sozio-ökonomische Hintergrund, diese Mischung aus Arbeitnehmern im Hotel- und Dienstleistungsgewerbe und Jung-Unternehmern. Das sind nicht die hinter vorgehaltener Hand von Eingeweihten kolportierten Gerüchte über eine Dorf-Mafia, die die meisten Bewohner durch ihre Monopolstellung über Baugewerbe, Lebensmittel- und Luxusgütereinfuhr in Abhängigkeit halten soll. In Jandia gibt es weder eine Ackerscholle, die ihre Bauern ernähren würde noch Betriebe, die etwas produzieren. Alles muß von anderen Teilen der Insel, von Gran Canaria oder vom spanischen Festland herangeschafft werden, Auch die Kultur?

Im Ort gibt es fünf Musiker, die „Morro-City Band“, die mal in Kneipen, mal im Robinson-Club spielen. Ein paar von ihnen stehen sogar im Salär dieses Hotels als Gärtner. Es sind nette Leute, diese Musiker mit ihrem Timple, mit Gitarren und Mandola. Zu ihrem Repertoire zählen auch Polkas Majoreras und Folias, sie spielen sie aber nur, wenn „spanische“ Touristenevergreens vom Festland wie „E viva España“ nicht mehr gefragt sind.

Aber auch die Reisenden von Lanzarote oder Gran Canaria werden sich kaum daran erinnern, bei einem Dorffest einen Sirinoque oder Tajaraste-Tanz gesehen, Endechas oder Aires de Lima gehört zu haben. Denn die Playa Ingles auf Gran Canaria oder Puerto del Carmen auf Lanzarote sind im Grunde nichts anderes als überdimensional gewachsene Gettos von Jandia und Morro Jable.

Es ist schade um die reiche Volkskultur der Kanaren. Sie reicht zurück bis zu den Ureinwohnern, den Guanchen, eine dem Vernehmen nach wilde, ungehobelte Gesellschaft. Ihre Ursprünge sind ungeklärt, mit Sicherheit aber zumindest für Fuerteventura und Lanzarote auch im nord- und westafrikanischen Festland zu suchen, das nur 100 Kilometer entfernt liegt. Die Guanchen haben einen ziemlich dunklen Teint und manchmal blondsträhnige Haare. Es sind also keineswegs die Folgen modernen Tourismus’, wenn einem auf Fuerteventura Kinder mit blonden Haaren begegnen.