Als die amerikanischen Streitkräfte am 11. April 1945 das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar erreichten, fanden sie zu ihrer Überraschung verlassene SS-Kasernen und dafür militärisch organisierte und bewaffnete Häftlinge vor: Das KZ hatte sich vor Ankunft der alliierten Befreier selbst befreit. Der Aufstand der Häftlinge war das Werk der geheimen, von Kommunisten angeführten Lagerorganisation.

Vor dem Bild des gelungenen Aufstands verblaßt ein wenig der Umstand, daß die Widerstandsbewegung nicht nur die Befreiung vorbereitete, sondern auch jahrelang, Tag für Tag, das Funktionieren des KZ Buchenwald sicherstellte. Es war zum Beispiel das hauptsächlich von Kommunisten besetzte Büro mit Namen "Arbeitsstatistik", das dafür zu sorgen hatte, daß die von der SS verlangten Arbeitskräfte unter den Häftlingen ausgesucht und bereitgestellt wurden, und dadurch eine zentrale Machtstellung innerhalb des Lagers beherrschte. In der 1959 in der DDR erschienenen Dokumentation "Buchenwald – Mahnung und Verpflichtung" wird in dem Abschnitt über die "Arbeitsstatistik" angegeben, daß sich in dem von deutschen Kommunisten angeführten Mitarbeiterstab auch ein Spanier befand. Wer dieser Spanier war, wird nicht erwähnt.

Sein Name ist Jorge Semprún, alias Gérard Sorel (in der französischen Résistance) alias Frederico Sánchez (in der unter Franco illegalen spanischen KP). Fünfunddreißig Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald hat der ehemalige Buchenwald-Häftling Nr. 44904, "Rotspanier" laut der Terminologie der SS, ein Buch vorgelegt –

Jorge Semprún: "Was für ein schöner Sonntag", aus dem Französischen von Johannes Piron; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982, 394 S., 38, – DM.

Dieses Buchenwald-Buch wird offiziellen Verwaltern des KZ-Antifaschismus wie den Autoren der erwähnten Dokumentation aus der DDR wenig Freude machen. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, daß an dem Buchenwald-Denkmal gekratzt wird, das man andächtig staunenden Nachgeborenen vorführt; ehemalige Häftlinge, die nicht nur unter dem Terrorregime der SS zu leiden hatten, sondern auch unter der internen Macht im Lager, der sie nicht genehm waren, haben ihrer Verbitterung Luft gemacht und sich in ihrer Wut auf die KZ-Denkmalpfleger auch zu abwegigen Behauptungen verstiegen, wie etwa der (von dem Psychiater Bruno Bettelheim vertretenen These), es habe in Buchenwald weder eine Widerstandsbewegung noch einen bewaffneten Aufstand gegeben.

Semprúns Bericht zielt in eine andere Richtung. Als Buchenwald-Häftling zählte Semprún selber zu den Privilegierten, die von der mörderischen Arbeitsfron in den Rüstungsfabriken und Steinbrüchen verschont blieben. Der damals zwanzigjährige Kommunist Semprún wurde gleich nach der Ankunft im KZ auf Weisung seiner Partei in der "Arbeitsstatistik" untergebracht, wo es zwischendurch sogar möglich war, ungestört Hegel zu lesen. "Was für ein schöner Sonntag" ist also nicht der Bericht eines Getretenen, der jetzt späte Rache übt. In seiner Autobiographie mit dem Titel "Frederico Sánchez" spricht Semprún davon, daß er das KZ "ohne größere Schwierigkeiten, mit unstillbarer geistiger Neugier" überstanden hat. Er hat Glück gehabt, nicht nur in Buchenwald, sondern auch danach – und weil sein Bericht sowohl von dem Danach als auch dem Davor handelt, spricht er eine Wahrheit über Buchenwald aus, an der die von den Denkmalpflegern ausgemalte antifaschistische Idylle zuschanden geht.

Semprún bestreitet keineswegs, daß die Widerstandsbewegung zahllose Häftlinge, vor dem Zugriff der SS gerettet hat, nur fügt er hinzu, daß vielen die Rettung nicht geholfen hat, weil sie Jahre später stalinistischen Henkern zum Opfer fielen. In "Buchenwald – Mahnung und Verpflichtung" wird geflissentlich verschwiegen, daß der als Führungskader des Widerstands erwähnte tschechische Kommunist Josef Frank sich 1952 auf der Prager Anklagebank plötzlich in einen "Gestapoagenten" verwandelte, ein gefährliches Ungeheuer also, das vernichtet werden mußte: Damit nichts mehr an sein Vorhandensein erinnerte, wurde die Asche des Hingerichteten irgendwo ausgestreut. Semprún saß neben Frank in der "Arbeitsstatistik" von Buchenwald. Hätte es in dieser Zentrale des Widerstandes auch nur einen Verräter gegeben, sagt Semprún, dann wäre niemand von der "Arbeitsstatistik" lebend aus Buchenwald herausgekommen. Zur Wahrheit über Buchenwald gehört also auch die Erkenntnis, daß das, was sich gegenüber dem Naziterror als tapfere Solidarität erwiesen hat, in feige Komplizenschaft des Schweigens umschlagen konnte, die den stalinistischen Terror deckt. Und es gehört auch zu ihr, daß viele der russischen Häftlinge, kaum ausgebrochen oder aus dem KZ befreit, hinter dem Stacheldraht heimischer Läger verschwanden.