Washington, im November

Die katholische Kirche Amerikas wird ein lärmender, streitsüchtiger und unordentlicher Platz bleiben. Niemand kann sie mit einem Mausoleum verwechseln", schrieb vor, kurzem der Soziologe Andrew M. Greeley, selber ein bester. Diese zwar kritische, doch für die Vitalität seiner Glaubensgemeinschaft optimistische Prognose scheint voll gerechtfertigt, seit der zweite Entwurf eines Hirtenbriefes über -katholische Moral und Kernwaffen bekannt geworden ist. Die Bischöfe dokumentieren ihre ernste Entschlossenheit das wohl schwierigste Thema unserer Tage – Frieden und Friedensbewahrung im Atomzeitalter", das so lange, als das "bestgehütete Geheimnis" der katholischen Kirche zu gelten hatte – in den Mittelpunkt der Morallehre und der Seelsorge zu rücken.

Der Klerus bis in seine höchsten Ringe steht vor schwierigen Auseinandersetzungen und Gewissensentscheidungen. Wie verhält sich der Inhalt des Hirtenbriefes zur päpstlichen Order, daß Geistliche kein politisches Amt wahrnehmen dürfen? Dürfte auch eine Mehrheit dahin tendieren, wie beispielsweise der Erzbischof von San Francisco, John Quinn, nukleare Abschreckung unter der Bedingung, daß sie als Vorstufe zu echter Abrüstung gilt, moralisch eben noch zu tolerieren, so gibt es andererseits auch Befürworter einseitiger Abrüstung des Westens. Der Erzbischof Ton Seattle, Raymond Hunthausen, bezeichnet sich als "Nuklear-Pazifist" und bekennt sich zu zivilem Ungehorsam, indem er dem Staat die Hälfte seiner Steuern verweigert. Bischof Leroy Matthiesen aus Amarillo in Texas hat die Arbeit an Atomwaffen für unmoralisch erklärt – und sich den Unwillen seiner Gemeinde zugezogen, weil in Amarillo Kernsprengköpfe hergestellt werden. Doch weder Hunthausen noch Matthiesen beanspruchen, daß sie gewissermaßen "ex cathedra" ihre eigenen Überzeugungen den ihnen unterstellten Priestern und Laien auferlegen könnten.

Auch das gehört heute zur katholischen Kirche Amerikas: Bischöfe können nicht mehr mit dem Gehorsam der Priester rechnen, und die Priester in den Gemeinden können nicht mehr so schalten und walten, wie das früher einmal war.

Den großen Einschnitt, der die katholische Kirche Amerikas aus einer "heilen" und disziplinierten Institution in den "lärmenden Platz" verwandelte, von dem Andrew Greeley sprach, bewirkte das Zweite Vatikanische Konzil, das vor genau zwanzig Jahren seinenAnfang nahm. Es sollte nach den Worten Papst Johannes XXIII. einen frischen Wind durch die Gemäuer der römisch-katholischen Kirche blasen, doch in Amerika entfachte es Sturmwinde, denen einige kirchliche Dogmen nicht standhielten: Massive Einbrüche und Abbrüche gab es besonders in der Praxis der Geburtenkontrolle und der Ehescheidung. Als Papst Paul VI. seine Enzyklika "Humanae vitae" verkündete, bekannten sich neun von zehn amerikanischen Katholiken offen zum Ungehorsam.

In solchermaßen verändertem Klima mußten auch andere Fragen aufgeworfen werden: Was ist Sinn und Zweck des Zölibats? Warum sollten nicht auch Frauen der Priesterweihe teilhaftig werden? Immerhin teilen in Amerika jetzt auch Frauen die Hostie aus. Aber es hat Papst Johannes Paul II. hier einen großen Teil seiner Popularität gekostet, als er beschied, Frauen dürften keine diakonischen Aufgaben übernehmen.

Infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils ist also das Dogmengerüst der kirchlichen Lehre stark ins Wanken geraten. Gleichzeitig sind der katholischen Kirche in Amerika offensichtlich neue Kräfte zugewachsen, seit sie sich den Gläubigen mehr denn früher als Ort der Erbauung, des Trostes und des Seelenfriedens anbietet. Zwar klagt der Klerus über Abnahme der regelmäßigen Messebesuche (von 70 auf 50 Prozent) und über einen bedrohlichen Mangel an Priesternachwuchs, aber er kann als Positivum anführen, daß unter den etwa 50 Millionen amerikanischen Katholiken heute der gebildete Mittelstand und die Intelligenz ebenso selbstverständlich vertreten sind wie ethnische Einwanderergruppen, die ursprünglich das Gesicht der Kirche bestimmten. Ulrich Schiller