Wie funktioniert das Kanzleramt unter den neuen Herren?

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn‚ im November

Die Neugierigen, die nach dem Regierungswechsel häufiger als sonst kamen, haben sich wieder verlaufen. Es gibt auch nichts zu sehen vor dem Kanzleramt, außer den Grenzschützern an der Kontröllpforte und ein- oder ausfahrenden Autos, darunter nur gelegentlich eine Staatskarosse, die einen Prominenten befördert. Der Vorplatz mit dem sanft gewellten Rasenrechteck, auf dem Henry Moores „large two forms“ thronen, ist so menschenleer wie en und je, und die dunklen, bronzefarben eloxierten Quader der Regierungszentrale dahinter haben nichts von ihrer glatten, Auge und Phantasie abweisenden Gleichförmigkeit verloren.

Auch drinnen hat sich, auf den ersten Blick, nichts geändert. Im sogenannten Abteilungsbaü, der die meisten der fast 500 Bediensteten des Kanzleramts beherbergt, geht es so gedämpft wie früher zu, und im Kanzlerflügel liegen die langen Flure so ausgestorben da wie sonst. Nichts deutet darauf hin, daß hier ein Wechsel stattgefunden hat, daß hinter den Türen zu den Chefzimmern jetzt andere sitzen und arbeiten. Die bis zur Menschenverachtung streng funktionale Architektur der Regierungszentrale hat auch die neue Besatzung verschluckt.

So ähnlich kommt sie sich selber auch zuweilen noch vor. Zwar sind jene Anfangstage vorüber, in denen die „Neuen“, vom Staatssekretär bis zur mitgebrachten persönlichen Schreibkraft, ziemlich verloren durch die Gänge wanderten und dankbar für jede praktische Hilfe waren – für eine Liste mit den wichtigsten Telephonnummern ebenso wie für Aufklärung über den bisherigen Arbeitsrhythmus des Amts. So überraschend ist die Regierungszentrale, wie die Regierung überhaupt, der Union zugefallen, daß von einer planvollen Inbesitznahme keine Rede sein konnte – ganz abgesehen von den beamtenrechtlichen Schwierigkeiten, auch Posten im zweiten Glied mit Leuten des eigenen Vertrauens zu besetzen.

So gleicht die neue Führungsgarnitur einer dünnen Riege vor der alten Mannschaft. Daß diese Mannschaft ihre alten Chefs noch in Erinnerung hat, daß sie vergleicht und daß sie, was Wunder, zu einem nicht geringen Teil sozialdemokratisch eingestimmt war und ist, das merkt die neue Equipe durchaus. Zwar kann sie sich, auch wenn es da manchen stillen Konflikt geben mag, über Mangel an Loyalität und Zuarbeit nicht beklagen. Im Gegenteil: Was der Apparat des Kanzleramts an Vorlagen und Informationen hervorbringt, ein Apparat, der zumal von Helmut Schmidt und seinen engsten Mitarbeitern auf Hochleistung getrimmt wurde, davon sprechen die neuen Herren durch die Bank mit Respekt, ja Hochachtung.