"Quincas Borba", Roman von Machado de Assis. "Er bedeutet für Brasilien das, was Dickens für England und Daudet für Frankreich bedeuten": Stefan Zweig sah in dem Mulatten Machado (1839-1908) nicht nur den ersten brasilianischen Erzähler von internationalem Format, sondern vor allem den illusionslosen Humoristen, dessen Vorliebe für kauzige Originale ihn zu einem Klassiker der Donquijoterie machte. Ähnlich schrullig wie der bei uns mehr genannte denn gelesene "Bras Cubas" ist auch die Titelfigur des nun endlich in höchst angemessener Übertragung vorliegenden Werkes "Quincas Borba", das nach langen Vorarbeiten 1891 als Fortsetzungsroman erschienen war und damit zwangsläufig nicht frei von den Schwächen dieses auf Publikumswirksamkeit abzielenden Genres ist. Liebes- und Gesellschaftshistörchen aus dem Umkreis des kaiserlichen Hofes in Rio drohen gelegentlich das eigentliche Thema des Buches zu verdecken, in dem der Autor erneut mit listiger Ironie seine pessimistisch-mokante Philosophie des "humanitismo" zu demonstrieren versucht: Zu verstehen ist unter diesem bewußt verqueren Begriff des "Humanitismus" – den der verschrobene Provinzphilosoph Borba aus Minas Gerais seinem Freund und Adepten, dem tumben Dorfschullehrer Rubiäo als geistiges Erbe vermittelt – eine Mischung aus Darwinscher Evolutionstheorie und Schopenhauerscher Idealität, an der ein Mensch von dem naiv-kreatürlichen Zuschnitt Rubiäos in der Praxis nur zerbrechen kann. Nach dem Tod des steinreichen närrischen Borba, zieht Rubiäo als Alleinerbe mit dessen Hund (der ebenfalls auf den Namen "Quincas Borba" hört) nach Rio und scheitert dort mit all seiner optimistisch überzogenen Lebensphilosophie im schlichten Kampf um ein akzeptables gesellschaftliches Dasein. Dem Zwang der Konventionen, der politischen Intrige ebenso wenig gewachsen wie der Einsicht in das Recht des Stärkeren, verfällt er zunehmend in Schizophrenie und stirbt 1870, genau im Jahr der endgültigen Niederlage dieses Kaisers, als eingebildeter Napoleon III. in einem Sanatorium. Die "natureza", die Natur, verkörpert in dem Hund Quincas Borba, behauptet sich wider alle spekulative Reflexion. (Aus dem brasilianischen Portugiesisch und mit einem Nachwort von Georg Rudolf Lind; BS 764, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 350 S., 18,80 DM.)

Ute Stempel

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"Die ovale Dame – Magische Erzählungen" von Leonora Carrington. In der Titelgeschichte verwandelt sich eine schlanke und traurige Dame, die eigentlich noch ein Mädchen ist, durch ein besonderes Spiel in ein schönes weißes Pferd. In der Erzählung "Die Debütantin" geht es um eine Hyäne; die ist die beste Freundin eines jungen Mädchens und geht an deren Stelle auf einen Ball. Ausstaffiert ist sie dafür mit schönen Kleidern und dem sorgfältig abgefressenen Gesicht des Dienstmädchens. Weil sie aber nur das Aussehen, nicht den Geruch verändern kann, wird sie auf dem vornehmen Fest schlecht behandelt. Da reißt sie sich das falsche Gesicht herunter und frißt es kurzentschlossen auf. Die surrealistische Malerin und Schriftstellerin erzählt merkwürdige Geschichten, die alle im Schrecken enden; Geschichten voller Beschwörungskraft und Phantasie, die sich jeder Eindeutigkeit verweigern: Mensch oder Tier, Angst oder Vertrauen, Liebe oder Verrat – alles ist möglich. Da kämpfen Kohlköpfe so lange miteinander, bis von ihnen nichts mehr übrigbleibt; Gemüsepflanzen werden gegeißelt, weil sie die Schuld der Menschen auf sich nehmen müssen; ein Chauffeur vergräbt das Auto, damit die Pilze besser wachsen, und ein alter Obsthändler kann seit 40 Jahren nicht herausfinden, ob seine Geliebte tot oder schlafend im Bett liegt. Vor allem aber wird immer wieder von Pferden erzählt: sprechenden, schönen, rächenden Tieren, Halbfrau, Halbpferd, die die Gabe haben, "eine Persönlichkeit auf Anhieb zu durchschauen"; Wesen aus der Zwischenwelt, die magischen Gesetzen und Zahlen verschrieben sind. Dieses ist das dritte Buch der englischen Autorin (sie lebt heute in Mexiko), das in einer deutschen Übersetzung erscheint ("Das Hörrohr", Insel-Verlag; "Unten", Suhrkamp Verlag) und das erste, in dem neben einigen Bildern der Malerin auch Texte abgedruckt sind über diese Künstlerin, von der Octavio Paz sagt, sie gehöre "zu den Frauen, die am engsten aus der surrealistischen Bewegung heraus lebten und schrieben". (Herausgegeben, aus dem Englischen und Französischen und mit einem Nachwort von Heribert Becker; mit Beiträgen von André Breton, Max Ernst und Jacqueline Chenieux. Qumran Verlag, Frankfurt, 1982; 126 S., 19,80 DM)

Manuela Reichart

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"Tagebücher". Der verborgene Schatz ist groß. Sind es hunderttausend oder eine Million Menschen, die ein Tagebuch führen? Die Tagebuchforschung steht noch ganz am Anfang. Ihr fehlt die Grundlage: der Text. Die Veröffentlichung und Interpretation von Tagebüchern in den 20er Jahren ist der "Säuberung" der Wissenschaft im Dritten Reich zum Opfer gefallen und wie andere Errungenschaften der Weimarer Republik in den 50er Jahren nicht aufgegriffen worden. In den 70er Jahren wurde wieder eine Reihe von sogenannten Laientagebüchern veröffentlicht. Das Autorenkollektiv von Literatur & Erfahrung will diese Arbeit fortsetzen: Sechs Tagebücher aus der Gegenwart werden in Auszügen veröffentlicht und nach den Regeln der Kunst der Literaturwissenschaft ausgelegt. Die zentrale These: "Nur genaue Interpretationsarbeit kann dann Spuren individueller Arbeit sichtbar machen, kann den literarischen Erfahrungsprozeß weitertreiben, den der schreibende Autor begonnen hat, weil dieser fast ganz in der unpersönlichen Bedeutung der Sätze verschwindet, die er als Teilnehmer der Sprachgemeinschaft übernimmt." Eine lohnende Arbeit, das Tagebuch von Gudrun Pause so ernst zu nehmen wie die Notizen des jungen Brecht. Aber es ist schon merkwürdig, mit anzusehen, wie hier persönlich-private Aufzeichnungen von Schülern und Lehrlingen mit dem Besteck der Literaturwissenschaft seziert werden. Das Autorenkollektiv will sich ausdrücklich nicht über seine Tagebuchautoren erheben. Dennoch: es beugt sich der kluge Kopf über das Leben eines jungen Mädchens und zeigt ihr, was die Textanalyse aus ihren Alltagsnotizen herausholen kann. Nicht unfreundlich. Literatursoziologie mit human touch. Warum sind die Tagebuchschreiber nicht stärker an der Analyse ihrer Texte beteiligt worden? Sie sind ja nicht unerreichbar wie Kafka und Brecht. ("Literatur & Erfahrung, Zeitschrift für literarische Sozialisation", Doppelheft 8/9; G. Schmelz-Verlag, Duisburger Str. 16, 1000 Berlin 15, 1982; 181 S., 14,– DM.) Heinrich Breloer