Berlin: "Monica Plange"

Auf dem Lande großgeworden, kann ich hier die Erinnerung an das Geflattere und Gezetere, an das Hacken und Picken des Federviehs nicht verdrängen, zumal zwei Arbeiten "Henne" und "Hahn" betitelt sind: kleine Kästchen, ausgelegt mit hübsch arrangiertem Hühnerhofabfall. Federn sind das Arbeitsmaterial Monica Planges, sie sucht und sortiert sie nach Größe, Farbe, Zeichnung und Oberflächenwirkung und collagiert mit ihnen teilweise recht großformatige Werke zusammen, zu einer Kunstform zwischen Tafelbild und Objektkasten, zwischen Pinnbrett und Schrein. Ein Hauch von Adler und Abenteuer ist dabei zu spüren: so schöne und seltene Exemplare, wie sie manchmal zu entdecken sind, findet man auf dem heimischen Hofe nicht. Naturhaftes, Ursprüngliches und Magisches spielen ebenso hinein wie das stets gelingende Komponieren der geschickten Designerin; das Basteln, Machen, Tun, der häusliche Umgang mit dem domestizierten Material steht wohl ebenso im Vordergrund wie die übergreifende Bildwirkung. Gewichtigstes Ausstellungsstück ist die Serie "Sie kommt aus...", nämlich aus der Supershow, dem Regen, der Nacht, dem Winter; entsprechend sind die dominierenden Feder-Farben glitzernd, Blau, Schwarz, Weiß. Durchsetzt ist das alles mit Papier- und Plastikglitter, auch ein transparenter Regenmantel wurde eingearbeitet. Daß "Sie" kommt, hat einen guten Grund, die Arbeiten sind ganz auf Weibliches bezogen: kleine Höhlen öffnen sich, Wülste umschließen Schutze, Federn und Glitzerglanz leuchten kostbar, und wie Schmuckstücke hängen die Werke an den schwarzen Galeriewänden – schade nur, daß die breiten Rahmen für die leichtgewichtige Wirkung viel zu schwer sind. (Galerie ars viva bis zum 20. November)

Ernst Busche

Köln: "Die Messe Gregors des Großen"

Hohe Kunst der Spätgotik ist von glanzvollem Reiz da überstrahlt, wo Sakrales sich mit Säkularem vermischt, so, als durchdringe die Aura des Weltlichen das Religiöse einzig, um ihm den Anhauch des allzu Geheiligten, Mysteriösen und daher der Ratio nicht Faßbaren zu nehmen und um das von Menschenhand Geschaffene dem betrachtenden Auge, dem begreifenden Sinn verständlich zu machen. Das bewies im Vorjahr die grandiose Pariser Ausstellung "Les Fastes du Gothique" – in die bildliche Darstellung der Martyrien, der Schreie der Gefolterten und das Jauchzen ob der physischen Lust am Leiden des anderen mischte sich Hörnerklang von Turnier und Falkenjagd der höfischen Gesellschaft. Ein fernes Echo drang in die Domstadt, so reich an Zeugnissen des Spätmittelalters. Doch hier griff man den Gedanken puristisch auf, entkleidete die Idee der Ars Sacra ihrer weltlichgefälligen Attribute und rückte in den Mittelpunkt einer Ausstellung die päpstliche Vision vom Schmerzensmann, die auf einer Legende gründet: Gregor I.(um 540 bis 604) bittet beim Zelebrieren der Messe angesichts der Äußerungen von Glaubenszweifeln eines der Anwesenden um ein göttliches Zeichen – auf dem Altar erscheint der blutig Gegeißelte. Tausendjähriges Kunstschaffen bemächtigte sich noch einmal zu Ausgang des Mittelalters – als eine veräußerlichte Religiosität, die zwar immer wieder von Erregungen leidenschaftlicher Frömmigkeit erschüttert wurde, jedoch in zunehmender Weise sich von der devotio entfernte, um dann noch einmal in starke Ergriffenheit umzuschlagen – des Gesichtes dieses Heiliggesprochenen, der neben Ambrosius, Augustinus und Hieronymus zu den egregii doctores ecclesiae, den Kirchenvätern gerechnet wird. Jener "Erwählte", in Thomas Manns buntgestickter Fabel so knäbisch-schlank sündiger Eltern Schoß entsproßen und dann seiner Mutter-Schwester brüderlicher Gemahl, zum büßenden Schrumpftier verdammt und wieder erlöst, um als doctor miellifluus Segen zu spenden über die Notdurft der Erde. Er war ein großer Papst und Reformer, kündete die Unauflöslichkeit der Ehe, führte den Wechselgesang der nach ihm benannten Messe ein und galt, als "letzter Römer" dem gesamten Mittelalter als moraltheologische, asketische Autorität, An die 60 Exponate, deutsche und niederländische Leihgaben (Gemälde, Dürergraphik, Christus-Skulpturen, illuminierte Bücher, liturgisches Gerät, Paramente) im Chor der einstigen staufischen Basilika aufgestellt, gruppieren sich um das Programmbild vom Meister der Heiligen Sippe (Köln um 1500), das wiederum – als gingen unsichtbare Strahlenbündel von ihm aus – auch jene im weiteren Raum der Museumskirche und in der Krypta aufbewahrten Gegenstände erfaßt, die auf der Darstellung der Gregorsmesse zu finden sind:-die Passionssymbole. (Schnütgen-Museum bis zum 30. 1. 1983, Katalog 12 Mark) Ursula Voß

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Yves Tanguy – Europäische Retrospektive" (Staatliche Kunsthalle bis 2. 1. 1983, Katalog 38 Mark)