Hundert Jahre lang und mehr war da ein Adler wie unzählige andere, gleich, welchen Gegenständen sie als Schmuckstücke dienten. Nun aber, da dieser Adler "da, wo die Friedrichstraße sacht den Schritt über das Wasser macht", Wolf Biermann zu seinem bitteren Bild vom preußischen Ikarus beflügelt hat, ist er aus der Anomymität aufgeflattert – unübersehbar selbst für einen Photographen wie den in Frankreich geborenen Carl Hatebur, dem es um ganz etwas anderes geht als um nationale Symbole besonderer Art, nämlich um die Spree, die dort fließt. Das Buch, in dem er seine Beobachtungen mitteilt, hat den Titel "Berlin – Landschaften am Wasser" (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1982; 124 S., 90 Abb., 68,– DM).

Es gehört zu den unermüdlichen, für keine andere Stadt mit vergleichbarem Ehrgeiz unternommenen Anstrengungen, den Ort zu preisen und dabei immer neue kaum bekannte Seiten hervorzukehren. War es erst das so grüne, an Wiesen und Wäldern reiche Berlin, so ist es nun die wasserreiche, mit vielerlei Idyllen durchsetzte Großstadt an Havel und Spree und vielen, vielen Seen. Und selbst dort, wo sich "die Flüsse nützlich machen" für Schiffahrt und Industrie, zeigt der schönheitsdurstige Photograph, wie er sie sehen möchte und also sieht: zu früher Stunde, mit Nebelschwaden, dräuend-dunklen Wolken und verschleierten Sonnen, mit glitzerndem und spiegelndem Wasser in meist kühleren Jahreszeiten.

Dieses so überaus malerische, in stimmungsreiche Farben getauchte Berlin leidet ein bißchen unter völlig überflüssigen und über die Maßen banalen Bildunterschriften ("Die Havel wird zum Erlebnisraum für jedermann" – "Strandkörbe in Erwartungshaltung"), aber es bekommt gottlob auch ein paar richtige Farben durch die Aufsätze Peter Baumanns, in denen auch von Geschichte und Wirtschaft die Rede ist und Besuchern Fährten gezeigt werden, die Stadt am Wasser zu entdecken.

Die Panke, freilich, kommt in diesem überwiegend sich mit West-Berlin beschäftigenden Buch nicht vor. Man findet ihr Photo in einem Band ganz anderer Art. Es ist eines der 277 Bilder, die aus dem Atelier des Hof-Photographen F. Albert Schwanz stammen. Sie illustrieren, was der Titel dieses faszinierenden, die Neugier wachhaltenden Buches ankündigt: "Berlin wird Weltstadt" (Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1981; 266 S., Abb., 79,– DM). Das in Leipzig edierte, von den Historikern Harald Brost und Laurenz Demps von der Humboldt-Universität in Ost-Berlin mit Aufsätzen über den Photographen und über Berlin im 19. Jahrhundert versehene, sorgfältig gedruckte Buch zeigt die Hauptstadt zwischen 1855 und 1906. Seinen eigentlichen Wert aber eröffnet es in den ausführlichen Bildlegenden, die, welches Wunder, keinem graphischen Übereifer haben angepaßt werden müssen. Das gilt auch für das Bilderbuch, das "Alte Berliner Läden" in achtzig zeitgenössischen Photographien vorführt (Nicolai, 1982; 86 S., 29,80 DM). Sie werden von Barbara Tietze sehr sachlich kommenden: damit über die vergangenheitsseligen Betrachtungen nicht die Wirklichkeit des Alltags und der Branchen vergessen werde.

In einem "Berlin Graffiti" genannten Buch des Photographen Hans-Jürgen Raabe (Nicolai, 1982; 68 S., 25,– DM) sind derlei Bemühungen überflüssig, weil die "Proteste und Provokationen, Meinungen und Meldungen, Signaturen und Sprüche" für sich allein sprechen – und über die Stadt, und über die Zeit, die sie herausgefordert haben.

Manfred Sack