Schallplattenaufnahmen, die im Studio entstehen, spiegeln nicht selten den schon paranoiden Hang zur Perfektion ihrer Produzenten und Musiker wider. Alle pinseln an ihrem Bild für die Nachwelt. Es kommt vor, daß ein Titel so oft auf Band aufgenommen wird, daß er zwar "richtig" – das heißt: fehlerfrei – gespielt ist, schließlich aber doch wie von allen guten Geistern verlassen wirkt. Sie sind der Musik ausgetrieben worden. Überperfektion hat etwas Gruftartiges.

Zu den ganz seltenen Ausnahmen im Bereich des Jazz zählt in diesem Zusammenhang eine Schallplatte, die im März 1980 in Hollywood entstanden ist und jetzt in Deutschland erhältlich ist. Sie heißt

"The Alternative Blues" – Clark Terry, Freddie Hubbard, Dizzy Gillespie plus Oscar Peterson; Pablo Today 2312-136.

Der Jazz-Impresario und Picasso-Sammler Norman Granz hat sie veröffentlicht. Sie hat eine bemerkenswerte Geschichte.

Granz, 64 Jahre alt, legendär wegen seiner weltweiten Konzerttourneen Jazz at the Philharmonic", seiner lakonischen Ansagen, seines zynischen Geschäftssinns, seiner goldenen Nase für bedeutende Jazzmusiker, erzählt: "Clark Terry war gerade in Los Angeles, um ein Album für mich zu machen, und zufällig war auch Oscar Peterson in der Stadt. Bobby Durham, Ella Fitzgeralds Trommler, hatte hier gerade eine Fernsehshow beendet. Ray Brown, Joe Pass und Freddie Hubbard leben ohnehin in Los Angeles. Alle Voraussetzungen für eine großartige Musikaufnahme waren gegeben."

Doch Granz, der alte Fuchs, wußte auch: in dieser edlen Runde fehlt ein Katalysator. Es gelang ihm, Dizzy Gillespie, den Urvater aller modernen Jazztrompeter, nach Los Angeles zu locken. "Er kam nachmittags an, begab sich direkt ins Studio, produzierte mit uns die Platte von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens und entschwand wieder nach New York." Husch-husch – kann man so Schallplatten produzieren, um nicht zu sagen, zusammentelephonieren? Man kann, wenn sich, wie in diesem Fall, Musiker in einem Studio befinden, die, sozusagen, eines Geistes und eines Gefühls sind.

Alle sieben Musikanten sind Konservative, miteinander verbunden durch eine Affinität zum Blues, zu ungebrochenen melodischen und rhythmischen Strukturen, und dennoch sind sie keine Jazz-Sklerotiker. Ihr Abneigung gilt allem, was an Aufbrüchen seit Mitte der sechziger Jahre im modernen Jazz geschehen ist. "Ich möchte wieder zurück, wieder richtigen Jazz spielen, raus aus der Scheiße, in der ich mich jetzt befinde", sagt Freddie Hubbard, der in letzter Zeit viel Halbseide veröffentlicht hat.

In gewissen Kreisen, unter letzten Mohikanern, gilt unter Jazzmusikern als Meisterbrief das Beherrschen von Blues und Balladen. Wer das nicht draufhat, ist verloren. Vor allem die drei Trompeter Gillespie, Hubbard und Terry aus jener Märznacht in Hollywood sind Meister in diesem Sinne. Sie beschließen, einen Blues zu spielen, über dessen simple, ewig gültige Struktur zu improvisieren, die ihnen tief in den Knochen steckt. Doch sie modifizieren das Taktschema, vergaloppieren sich immer wieder, bis dann, im vierten Anlauf, alles gelingt. Was dazwischen liegt, ist ein Lehrstück über das Wesen des Jazz und seiner Musiker. Man hört, wie Fehler brüderlich diskutiert werden, wie man sich lachend einigt. Und auf dem Weg zum vierten und letzten Versuch lernen wir ein Triumvirat kennen, dessen Größe gerade im Umgang mit dem archaischen Material aufblitzt: Dizzy Gillespie (65), den souveränen Bewahrer der Klänge aus den Jahren des Bebop Mitte der vierziger, Freddie Hubbard (44), den feurigen Erben einer fast unfaßlichen instrumentalen Schwerelosigkeit à la Clifford Brown, und Clark Terry (61), den eleganten und doch hintergründigen Humoristen unter den Trompetern, den schon Duke Ellington bewundert hat. Michael Naura