Am weit geöffneten Gartentor hängt ein Holzschild mit der kunstvollen Aufschrift: „Michel Clemenceau, der Sohn des Präsidenten Georges Clemenceau, bewohnte die ‚Grange Betelière‘ von 1929-1964. Er hat dort die höchsten Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Literatur empfangen. Er wurde von 1943-1945 interniert, weil er die Erinnerung seines Vaters verteidigte, er wurde zum Abgeordneten des Departements Seine-et-Marne gewählt.“ Gleich darunter hängt noch ein ganz kleines Schild „Der Besuch wird von Madame Clemenceau kommentiert.“

Hinter hohen Hecken liegt in der Nähe von Moret-sur-Loing, 70 Kilometer südlich von Paris, auf einer kleinen Insel im Canal de Loing, das Haus Clemenceaus. Wie wahrscheinlich alle Besucher, die unvorbereitet zum erstenmal vor diesem Tor stehen, gehe ich behutsam und auch ein bißchen schüchtern-neugierig in den Garten. Ich gehöre zu denen, die gerade das Nötigste von Clemenceau wissen. Im Lexikon steht: „Clemenceau Georges (1841-1929), frz. Staatsmann, ‚Der Tiger‘, Min.-Präs.; 1906-09 und 1917-20 (zugleich Kriegsmin.); Vorsitz bei Versailler Friedenskonferenz.“

Hinter mir tutet ein Schleppkahn, der in die Kanalschleuse will. Vor mir liegt ein bis zum letzten Grashalm gepflegter Garten. Im Hintergrund zieht ein Ruderboot auf dem trägen Fluß Loing seine Bahn. Pferde grasen auf dem anderen Ufer. Der Kies knirscht unter meinen Füßen laut in den Nachmittag. Das Haus am Ende des Weges ist einladend breit. Auf der Terrasse flattert die französische Flagge. Ich stehe vor der geschlossenen Haustür, warte erst ein wenig, bevor ich zaghaft den schwarzen, schmiedeeisernen Klopfer bewege. Nach ein paar Minuten kommt eine kleine, alte Dame um die Hausecke. Sie trägt ein geblümtes Kleid aus dicker Seide. Ihr weißes Haar ist leicht hellviolett gefärbt, nach der Mode aller älteren französischen Damen der besseren Kreise. Sie lächelt sehr freundlich, sagt „Guten Tag, kommen Sie herein“, und öffnet die Tür. „Ich warte noch auf die anderen Besucher, die kommen werden, bevor ich mit meiner Konferenz beginne.“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie lächelt immer noch und sagt: „Ich bin Madame Clemenceau.“ Dabei zückt sie geschickt ein kleines Täschchen: „Der Besuch kostet 12 Francs. Sie können so lange bleiben, wie Sie wollen. Auch im Garten.“ Ich bezahle. „Schauen Sie sich alles in Ruhe an“, meint sie und läßt mich allein in dem großen Raum stehen. Wohin man sich auch dreht, die Winde, Tischchen, Schränke sind voll mit Erinnerungsstücken. Bilder, Lampen, Dosen, Teller, signierte Photos. Alles gut sichtbar und doch nicht wie in einem Museum, Überall stehen Vasen mit Rosen. Man spürt, dieses Haus ist bewohnt.

Es ist drei Uhr. Weitere Besucher kommen langsam über den Gartenweg. Ein paar ältere Leute, ein junges Ehepaar mit zwei Kindern. Schließlich sind wir fünfzehn.

Die kleine, alte Dame geht eifrig von einem zum anderen, kassiert und parliert. „Ach ja, ich erinnere mich. Sie kommen schon zum drittenmal.“ „Und Sie sind Kriegsveteran? 14-18?“ Die Kinder sagen gar nichts. Sie sind brav, in ihren Augen stehen Neugier und Bewunderung. Die Atmosphäre des Hauses nimmt uns gefangen.

Schließlich werden wir wie Akteure aufgestellt. Die Damen und die älteren Herren dürfen sich setzen, Madame Clemenceau, Witwe des einzigen Sohnes von Clemenceau, beginnt die Konferenz. Ihren Schwiegervater hat sie persönlich nicht mehr kennengelernt. Er starb 1929, und sie heiratete Michel Clemenceau erst 1940. Aus ihren Erzählungen – „übertragenes geistiges Erbe“ ihres Mannes – setzt sich langsam das Bild eines kämpferischen Patrioten zusammen, Madame erwähnt die langjährige Freundschaft zum Maler Monet, seine Liebe zu China, seinem Traumland, das er nie sah. Das Tablett aus der Hornhaut eines indischen Elefanten wird herumgereicht, die Tigerfelldecke des Politikers wird respektvoll angefaßt. Ab und zu wird die Führung durch Tonbandberichte unterbrochen. Begleitet von Walzerklängen liest Madame Clemenceau das Testament des Staatsmannes vor, dann zeigt sie uns Photos. Auch jenes vom Attentat am 19. Februar 1919. „Ich war dabei“, sagt plötzlich sehr laut der Kriegsveteran. Wir recken unsere Hälse. Der alte Herr starrt auf das Photo, Madame Clemenceau lächelt. „Der Attentäter Cottin lief an mir vorbei. Ja, ja, ich erinnere mich. Das war er“, sagt der alte Kämpfer zufrieden und gibt das Bild zurück.

Eineinhalb Stunden dauert der Besuch, ein kleines Stück französischer Geschichte, inszeniert von einer über 80jährigen alten Dame, die von ihren Erinnerungen lebt. Renée Falcke