Die kulturgeschichtliche Methode, die Methode Jacob Burckhardts und Wilhelm Diltheys, ist in den Kunstwissenschaften zwar immer wieder in den Hintergrund gedrängt worden – durch die "werkimmanente Interpretation" ebenso wie durch die Tendenz zur Sozialgeschichte –, aber ausrotten ließ sie sich nicht, denn sie wird offenkundig einer Neigung des Lesepublikums gerecht, die man eine Zeitlang vernachlässigen, jedoch am Ende berücksichtigen muß, wenn nicht der gefährdete Konnex zwischen den Kunstwissenschaften und den interessierten Laien abreißen soll.

Die Debussy-Monographie, die eine geplante Reihe analoger Bücher eröffnet, verrät bereits durch den Titel, der ein wissenschaftliches Programm einschließt, die kulturgeschichtliche Orientierung des Autors (und Verlegers) –

Theo Hirsbrunner: "Debussy und seine Zeit"; Laaber Verlag, Laaber, 1981; 264 S., 30 Abb., 36,– DM.

Allerdings sind die Bildungsvoraussetzungen, über die ein Verfasser verfügen muß, um sich von Phänomenen und Utopien wie "Salonmusik", "Orient und Antike", "Das unsichtbare Theater" oder "La Musique du Silence" zu eindringlichen wie plausiblen Analysen und Interpretationen Debussyscher Werke vorzutasten, keineswegs alltäglich.

Theo Hirsbrunner, Musikhistoriker und Romanist, praktischer Musiker und erfahrener Publizist, hält scheinbar mühelos die Mischung von Kenntnissen parat, die notwendig ist, um eine Biographie als Kulturgeschichte zu schreiben und ein Buch, das im Grunde aus Essays – aus Annäherungen an ein Phänomen aus verschiedenen Richtungen – besteht, dennoch als geschlossene Einheit wirken zu lassen.

Außerdem ist Hirsbrunner ein ebenso glänzender wie unprätentiöser Schriftsteller, der das, was er zu sagen hat, klar zu sagen versteht und der noch dann, wenn er zitiert – und er zitiert häufig und ausführlich – fühlbar macht, wie unter den fremden Texten die eigenen Gedanken, um derentwillen die Zitate ausgewählt wurden, weitergehen und sich entwickeln.

Einige Themen des Buches – Debussy und Mussorgskij oder Debussy und Ravel – verstehen sich nahezu von selbst und fehlen in keiner Monographie; andere sind eine Überraschung, wie das Kapitel, in dem Debussy – durchaus plausibel – zu Jacques Offenbach in Beziehung gesetzt wird. Und es ist nicht die schlechteste Rechtfertigung der kulturhistorischen Methode, daß sie musikgeschichtliche Überraschungen bereithält.