Von Marion Gräfin Dönhoff

Südafrika ist ein Land, in dem zwei Gesellschaften, die aufeinander angewiesen sind, die ohne einander gar nicht können, in getrennten Kreisen nebeneinander leben: ohne sich zu kennen, fast ohne sich zu berühren. Es gibt viele Weiße, die außer mit ihren Hausangestellten noch nie mit einem Schwarzen gesprochen haben; die nie in ihrem Leben selber in Soweto oder in irgendeiner anderen schwarzen Stadt gewesen sind!

Oft habe ich mich gefragt, wie das Leben in Südafrika sich wohl gestalten würde, wenn die Menschen, die dort leben, nicht schwarz oder weiß wären, sondern alle miteinander, sagen wir: grün. Gewiß gäbe es auch dann soziale Unterschiede – wie anderswo auch. Aber diese würden sich dann auf Grund einer Addition verschiedener Faktoren – Erbanlagen, zufälliger Umstände usw. – ergeben und nicht einfach monokausal auf Grund der Farbe. Und dadurch würde in der Tat alles ganz anders.

Das Besondere an Südafrika ist also, daß es eine Klassengesellschaft ist, bei der wie im Mittelalter Angehörige des vierten Standes unmöglich in den dritten aufsteigen können. Denn die Weißen, auch wenn sie sehr arm sind, sind ja immer noch weiß und gehören damit zur privilegierten Klasse; die Schwarzen, auch wenn sie sehr gebildet oder auch reich sind oder der kirchlichen Hierarchie angehören, dürfen nicht zusammen mit den Weißen in Johannesburg wohnen, sondern müssen allabendlich in die schwarze Stadt nach Soweto fahren – dies gilt für Bischof Desmond Tutu genauso wie für die Straßenfeger.

Die Weißen sind vor 330 Jahren an der Küste des schwarzen Erdteils gelandet und nahmen kämpfend und kolonisierend das Land in Besitz. Und sie haben es zu einem bedeutenden Agrar- und Industrieland entwickelt. Wenn man mit der Bahn, von Norden kommend, die karge, steppenartige Landschaft Afrikas hinter sich gelassen hat und über die Grenze fährt, meint man, nach Europa zu kommen: riesige, gut bestellte Felder, Dörfer und Siedlungen, wie aus dem Ei gepellt. Südafrika zahlt die höchsten Löhne und hat zur Zeit die höchsten Zuwachsraten aller Industriestaaten der Welt.

Sonderstellung in Afrika

Die Südafrikaner machen gern auf ihre Sonderstellung in Afrika aufmerksam. Sie sagen, wir sind das einzige Land des Kontinents, das imstande ist, sich selber zu ernähren und darüber hinaus Lebensmittel zu exportieren, während in allen anderen Staaten Afrikas die Produktion an Nahrungsmitteln pro Kopf der Bevölkerung in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich zurückgegangen ist.