Ein Senkrechtstarter? Zwei Bändchen pfiffig dahergesagter Quasi-Gedichte gab es schon von ihm. Da war der Mann noch nicht einmal im ersten Semester. Inzwischen studiert er Philosophie und Musikwissenschaft. Jetzt seine erste Prosa-

Jochen Missfeldt: "Zwischen Oben, zwischen Unten", Erzählung; Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen, 1982; 120 S., 18,– DM.

Der Titel ist ein bißchen geschmäcklerisch. Er entstammt einem Gelegenheitsgedicht von Goethe, auf einen schwebenden "Genius über die Erdkugel, mit der einen Hand nach unten, mit der anderen Hand nach oben deutend". Eine strenggenommen kalauernde Anspielung, denn dieser Student ist in seinem früheren Leben Fliegeroffizier gewesen.

Also doch kein Senkrechtstarter. Solche Leute werden zeitig pensioniert. Sein letzter Flug war ein Tiefflug im März 1982 mit einer "Phantom" über Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Da wird er seinen potentiellen Lesern ganz schön in den Ohren gelegen haben. In der Mitte des Lebens tritt er nun als junger Autor auf, mit Pension und Erfahrung. Er hätte auch, wie so viele Ehemalige, Industrieberater werden können. Aber er dichtet lieber in Nordfriesland.

Elf Episoden, die sich zum Ring schließen, geordnet zum Jahresablauf, Ende jeweils offen, so kann die nächste anknüpfen, auch die letzte noch: "Wir flogen nach Hause, wir schafften es gerade so." Da könnte man wieder von vorn anfangen: "Laß die Waffen und kuck den Himmel an", brummt der Genosse Bär. So ganz realistisch geht’s also hier nicht zu. Immer wieder ein Schlenker ins Irreale, mal als Traum, mal als Halluzination beim Ertrinken, öfters aber auch ohne logische Eselsbrücke. Von einem Routineflug will er mit der Leiche eines politischen Kapitäns zurückgekommen sein. "Die zu Hause werden Augen machen." Und auch mit ihm selber ist was passiert: "Tatsächlich, ich war aus Holz."

Fähigkeit, Alltägliches persönlich zu sehen: Schnee schonte die Gipfel. Gequassel verarbeitet: Frustkauf querbeet, Sonne war nicht, Marlene verduftet. Bundeswehrjargon: weggetretene Gesichter. Wenn Missfeldt originell sein will, formuliert er manchmal "Haute Ecriture". Hat er Heikles zu beschreiben, die Arbeit eines Pathologen beim Sezieren oder Benehmen am offenen Grab, entsteht seine erste Prosa, geschrieben mit ruhigem Blick aufs Material, sachlich, ein bißchen mokant überspitzt.

Die Bundeswehr, sein Erlebnis-Reservoir. Das hat er andern Anfängern voraus. Fliegen, "die schönste Sache der Welt". "Ich spürte Raufboldgelüste, den Beginn einer Verführung." Beim Kriegspielen am Boden, Überlebenstraining, vergeht ihm alles. Immer wieder Ambivalenz zwischen Lust und Frust und Abscheu. "Im Grunde war ja Frieden. Die da drüben wollten auch keinen Krieg. Am Freitagnachmittag war der Plan abgespielt. Blau würde gewinnen, und wir waren Blau. Ich sah mich schon in der Badewanne zu Hause." Allerdings hat auch das Zivilleben seine Schwierigkeiten. Das Ich, das da erzählt, hat Weib und Kind und Haus und Garten. Und nicht einmal über den Wolken ist seine Freiheit noch grenzenlos.